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Bella Ciao
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Adrenochrome

USA, 2017

Inhalt laut amazon.de: "Surfen, Frauen und Parties - das ist Venice Beach. Und wo könnte man sich besser ein neues, gutes Leben aufbauen? Der junge Army-Veteran West versucht genau das - ein kompletter Neustart. Nachdem er jedoch während eines Drogentrips einen blutigen Mord beobachtet, wird er immer tiefer in eine brutale Welt aus Gewalt und Verbrechen hineingezogen und kann bald nicht mehr unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Phantasie..."

Ein-Mann-Armee Trevor Simms produziert, schauspielert, schreibt das Drehbuch, führt Regie und hat in allen anderen Bereichen des Filmemachens (vom Schnitt bis zu den Special FX) seine Finger im Spiel, nutzt er seinen ersten Spielfilm "Adrenochrome" doch ausgiebig zur Selbstdarstellung. Dreh- und Angelpunkt aller Geschehnisse ist Simms in seiner Hauptrolle als Irakkriegsveteran West, der - nach der Rückkehr aus George W. Bushs unter falschen Angaben und Lügen zustandegekommenem Angriffsfeldzug gegen das Böse in Form von Saddam Hussein (seines Zeichens Diktator ohne Massenvernichtungswaffen) - in Venice Beach, Kalifornien, einen Neuanfang wagt. Beim Versuch etwas Geld aufzutreiben, mischen ihm ein paar knapp beschürzte Strandmädels etwas in den Tee, so dass die Jobsuche zugunsten eines bizarren Drogentrips zurückgestellt werden muss, denn an dessen Ende wird er von der Polizei verhaftet, nachdem er nur mit Müh und Not einer kannibalischen Surfersekte auf der Suche nach dem neuesten Drogenkick entkommen war.
Klingt jetzt schon konfus? Nun - übersichtlicher wird es nicht mehr. Simms hat sich mit Haut und Haaren der trippigen Gegenkultur der späten 60er und frühen 70er verschrieben, schon in den ersten Szenen hat Raoul Duke (aus Hunter S. Thompsons "Fear and Loathing in Las Vegas") einen Gastauftritt, später im Film fällt der Name von Colonel Kurtz, bekannt aus "Apocalypse Now". Man mache jetzt nicht den Fehler und assoziiere mit Gegenkultur den angepassten, milden Quark, welchen Ökofritzen und Friedensbewegte in den Mainstream gespült haben; in "Adrenochrome" geht es um Sex, Drogen und Gewalt, einen Todestrip, nicht darum die Welt oder gar die Menschheit zu retten. Schon bei der Geburt des Regisseurs im Jahr 1987 war der konservative Rollback in den USA so ausgeprägt, dass er selbst im Säuglingsalter die Informationen über die porträtierten Aussteiger nur durch den Gang in Biblio- und Videotheken erhalten hätte. Nachdem die Generation der 68er in den Positionen ihrer Väter und Großväter angekommen war, mühte sie sich um ein bereinigtes Bild der Ereignisse, um ein Vorbild, das die dunklen, bedrohlichen (und damit spannenden) Schwingungen und Verzweigungen innerhalb der Bewegung aussparte. Stellt Robert Habeck von der Partei Die Grünen das eine, furchtbar falsch wirkende Ende dieser Entwicklung dar, sitzt auf der gegenüberliegenden Seite der grinsende Geist Charlie Mansons auf dem Thron, den ihm die kollektive Hysterie errichtete. Trevor Simms Zugang zur psychedelischen Seite von Venice Beach erfolgt in rasanter Motorradfahrt, wehrmachtsbehelmt, über beide Ohren zugedröhnt und bis an die Zähne bewaffnet.
Neben dem US-amerikanischen Originaltitel "Misirlou" verweist auch ein Großteil des Surf-Soundtracks wenig verschämt auf "Pulp Fiction" und das exploitative Zitatkino Quentin Tarantinos. Als Nachgeborener montiert Simms Erzählungen, Bilder und Klänge aus liebgewonnenen Büchern, Filmen und Schallplatten, ausgewählt nach dem Grad ihrer Eindrücklichkeit. Er verbindet altbekannte Sensationen miteinander, um deren Durchschlagskraft noch zu erhöhen. Manchmal gelingt ihm dies, vor allem, wenn er nicht versucht einen Gegenwartsbezug herzustellen (im zeitgenössischen Kino stellt der Krieg im Irak meist nur einen wenig erfreulichen Nam-Abklatsch dar), strahlt die durch Digitalkameras eingefangene Gegenwart doch auch ohne sein Zutun schon heftig auf die Szenen des Films ab. "Adrenochrome" verliert viel von seinem Charme, sobald der Zuschauer die Anwesenheit des Hier-und-Jetzts bemerkt, etwa in innerstädtischen Szenen. Potenziert wird dies durch manche Einstellungen, in denen man stärker erkennen kann, mit welch geringem Budget gearbeitet wurde - oft von einem einzigen Mann: Trevor Simms. Exploitatives Autorenkino im wörtlichsten Sinne, gerade oberhalb der Wahrnehmungsgrenze des Amateurfilms. Sich der Tatsache bewusst, dass ein Film wie "Adrenochrome" in den 80ern und 90ern als VHS-Futter in den Videotheken ohne Kinorelease geendet wäre, sorgte der Regisseur schon während der Dreharbeiten für kleinere Skandälchen um den Film (meist ging es dabei um nicht erteilte Drehgenehmigungen oder zerstörtes Equipment), die genug Aufmerksamkeit für einen internationalen Verleih sicherten - und wieder Trevor Simms in den Mittelpunkt stellten, der die Grenzen zwischen seinem Film und seiner Person absichtlich verwischen will.
Simms inszeniert sich als post-traumatisch belasteten Kriegsveteranen in Rambo-Manier, den Halluzinogenen nicht abgeneigt, mit einem Traum vom Leben am Strand zwischen vollbusigen, willigen Gespielinnen und der Freiheit der Straße. Ziemlich amerikanisch, kein Wunder, destilliert er "Adrenochrome" doch aus unzähligen Episoden der US-Gegenkultur. Das eigentliche Adrenochrom wurde bei Versuchen mit Schizophrenie-Patienten entdeckt und hatte den Ruf von körpereigenem LSD, bis sich die Messreihe als schwer fehlerhaft entpuppte. Nun müsste nur noch jemand den Kannibalen in Simms Film beibiegen, dass sie dem Placebo-Effekt aufgesessen sind... 6,5/10

Trailer



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26.10.2018 10:15 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Hagazussa - Der Hexenfluch

Deutschland/Österreich, 2017

Inhalt laut Indeed Film: "Eine Ziegenhirtin im Alpenraum des 15. Jahrhunderts wird nach dem traumatisierenden Tod ihrer Mutter von einer dunklen Präsenz aus den alten Wäldern heimgesucht. Als im psychotischen Wahn langsam die Grenzen von Realität und Alptraum verschwimmen, wird sie allmählich mit dem Bösen in ihr selbst konfrontiert."

Der geschmolzene Schnee des Winters gibt die Überreste von Albruns Kindheit frei; eine Kindheit, die sie im Schatten ihrer Mutter verbrachte, selbst eine Außenseiterin des dörflichen Lebens in den Alpen. Während die beruhigend weiße Decke der Natur zurückgezogen wird, deren schützende und lärmschluckende Schicht in der Sonne glitzert, entdeckt man Knochen, Schädel und Splitter, die sich zu Mosaiken des Missbrauchs zusammenfügen lassen. Im Kleinen die übergriffigen Handlungen zwischen Mutter und Tochter, das elende Eltern-Kind-Verhältnis seit Anbeginn der Zeit, eine Ebene darüber, im Größer- und Gröberen, die Drohungen der Dorfgemeinschaft gegenüber der Alleinerziehenden und ihrem Nachwuchs.
Lukas Feigelfelds Langfilmdebüt "Hagazussa - Der Hexenfluch" erschien fast zum gleichen Zeitpunkt wie "The VVitch" in der Kinolandschaft, auch wenn er produktionsbedingt länger in der Mache war (mal wieder ging es um das liebe Geld, die vermaledeite Filmförderung in Deutschland und ein Happy End durch Crowdfunding), einen Vergleich wird er sich also mit dem Hexenalbtraum aus Übersee gefallen lassen müssen. Der augenfälligste Unterschied sind die Bemühungen von "The VVitch" den Film übernatürlich aufzulösen, etwas, das Feigelfeld in "Hagazussa" vermeidet: Die außergewöhnlichen psychischen Zustände seiner Hauptfigur sind in der filmischen Wirklichkeit verankert und haben rationale Auslöser. Während die Bilder manchmal aus dem klar gegliederten Korsett der Naturaufnahmen, eingerahmt durch die Alpen, delirierend in Horrorvisionen ausbrechen, bleiben die eigentlichen Vorgänge nachvollziehbar. Der Wahnsinn der Einsamkeit wurzelt in familiärem Übel, bedingt durch die unbarmherzigen Einwirkungen der dörflichen Gemeinschaft, der Gesellschaft. Auf ein verkohltes Skelett reduziert, dreht sich hier alles um die Rolle von alleinerziehenden Außenseitern im Verhältnis zur argwöhnischen Mehrheitsgesellschaft, die ihre Sündenböcke gerne zur Herde vermehren möchte und nach geeigneten Opfern Ausschau hält.
Im zweiten Teil des Films, welcher sich insgesamt streng in die Abschnitte "Schatten", "Horn", "Blut" und "Feuer" einteilt, nimmt Albrun selbst die Mutterrolle ein, ihr wird (wie schon ihrer Mutter) ein Mann verwehrt, das Verhältnis zu den Dörflern mutet immer noch gespannt an, aber es herrscht Tauwetter. Albrun scheint eine Freundin, eine Verbündete zu finden, wäre da nicht dieses aufgesetzte, gezwungene Lächeln gleich den Tränen der Krokodile.
Bis zu diesem Zeitpunkt verlässt sich der Regisseur weitgehend auf die Naturaufnahmen seiner Kamerafrau, zuerst die bergige Schneelandschaft, später der alpine Frühling. Nach und nach schleichen sich beunruhigende Momente ein, der Wald entwickelt ein Eigenleben, er starrt nicht nur zurück, er starrt in die Hauptfigur hinein, womöglich um gedankliche Samen zu pflanzen. Das erinnert manchmal an "Antichrist", Lars von Triers zum Skandal feuilletonisierten Film, verfällt aber nie in dessen Hysterie. Das angemessen träge voranschreitende Tempo verhindert dies. Von den Drone-Klängen der griechischen Gruppe MMMD untermalt, mehren sich nun Eindrücke aus dem Innern der Hauptfigur, in den Wald projiziert und manchmal verstärkt von ihm zurückgeworfen. Den ästhetischen Höhepunkt erreicht "Hagazussa" im Anschluss an einen Pilztrip, wenn sich der Infantizid in einem Tümpel zum Abbild des Kosmos ausweitet. Die Einheit des Scores von MMMD und der Bilder von Mariel Baqueiro wirkt so stark und schlüssig, dass ich mich zumindest im deutschen Film kaum an ähnliche berückende Momente erinnern kann. Diese mehrminütige Sequenz stellt definitiv das Highlight in "Hagazussa" dar und leitet das Finale ein: "Feuer".
Wo die Übermacht des Dorfes stets spürbar bleibt, selbst wenn es kaum abgebildet wird, kann sich der Einzelne auf normalem Weg nicht aus dessen Fesseln befreien. Er muss die Gesetze und Grenzen der Mehrheit übertreten und sich schließlich selbst reinigen. "Hagazussa" kommt also zu einem eher gewöhnlichen Ende, wenn auch in ungewöhnlichen Bildern. Er liefert durch die Symbiose der einfach von "außen" gefilmten Vorgänge mit Darstellungen des Inneren ein Amalgam, das zumindest oberflächlich einleuchtend erklärt, wie der Glaube an Hexen funktionieren kann und welche gesellschaftlichen Umstände ihn entstehen lassen. Der Dämon, der hinter den sicheren Begrenzungen des Dorfes auf die Bewohner wartet (das Wort "Hagazussa" kommt aus dem Althochdeutschen und bezeichnet eine "Zaunreiterin", später wurde daraus "Hexe"), entstammt einfach ihrer eigenen Borniertheit, ihrer beschränkten Sicht auf die Welt, ihrem Hang zum Simplifizieren. Nicht umsonst legt Feigelfeld in seinem fast dialogfreien Film der zwielichtigen Bekannten Albruns die Abscheu gegenüber "Juden und Heiden" in den Mund.
"Hagazussa" bleibt über gut 100 Minuten ein bildgewaltiger, aber stark entschleunigter Maelstrom von Vignetten zur Gewalt der Gesellschaft gegenüber dem Individuum, unterlegt mit einem perfekten Drone-Soundtrack, der die visuellen Eindrücke auf musikalischer Ebene ins Monolithische überhöhen kann. Definitiv ein Film für die große Leinwand, definitiv ein Soundtrack, um ihn mit dem ganzen Körper zu spüren. Definitiv ein Hoffnungsschimmer für den deutschen Film. 8/10

Trailer



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16.11.2018 09:58 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Another

USA, 2014

Inhalt laut VideoMarkt: "Am Tage ihres 18. Geburtstages erhält die hübsche Jordyn von ihrer merkwürdigen Tante Ruth nicht nur eine lecker aussehende Geburtstagstorte, sondern auch die Nachricht, dass sie ganz genau so aussieht wie ihre selige Mutter, die just an ihrem 18. Geburtstag das Zeitliche segnete. Danach stößt sich Tantchen ein Tranchiermesser in den Bauch. Fortan wird Jordyn von albtraumhaften Visionen und Tagträumen geplagt, die allesamt darauf hindeuten, dass sie für große, wenn auch nicht unbedingt gute Taten vorbestimmt ist."

Nicht nur die Kreuze, alle Dinge stehen Kopf, wenn man der Zeichnung des Bösen im zeitgenössischen Horrorfilm folgen will und diese mit dem Bild des Guten in der Wirklichkeit abgleicht. Gott hat ein schwerwiegendes Problem mit seinem Bodenpersonal. Waren es in vergangenen Zeiten gierige und größenwahnsinnige Menschenschinder, die im Namen der Weltreligionen Angst und Schrecken schürten, trifft man heutzutage auf Schwächlinge mit automatischen Schusswaffen und Raketenwerfern, die bei allergrößter Anstrengung einige Wolkenkratzer pulverisieren, während sie meist nicht in der Lage sind, den Bauplänen für Bomben zu folgen und deshalb lieber wahllos in Weihnachtsmärkten herumstochern. Auch die Jünger Jesu waren vor allem dumm und gewöhnlich, kein Vergleich zu den Satanssöhnen und -töchtern, die in den Okkultschockern der späten 1960er bis heute ihre Auftritte hatten. Angefangen bei "Rosemary's Baby" über "Das Omen" bis hin zu "Another" weist die Brut des Unaussprechlichen Charisma, Intelligenz, außergewöhnliche Begabung und Bildung auf, die den Witzfiguren mit AK-47 im Dienste des HERRn völlig abgehen.
So verwundert es wenig, wenn Jason Bognacki in seinem Spielfilmdebüt, das auf einem seiner Kurzfilme gleichen Namens beruht, viele der Cadragen mit einem Porträt der auffällig hübschen Hauptdarstellerin Paulie Rojas beginnt und diese dann sukzessive auf durchgestaltete Räume ausweitet, welche den Stilwillen des Giallos atmen und in dessen Tradition einen Spagat zwischen der klassischen Schönheit der Hochkultur und den visuellen Camp-Sensationen des Horrorfilms der 70er und frühen 80er wagen. Sobald die Sicherheitsmarkierung der Rolltreppen mit dem gesetzten Licht und Schuhen und Kleid der Hauptdarstellerin farblich übereinstimmen und bewusst perspektivisch zusammengeführt werden, weiß man um die Präferenzen des Regisseurs, der sich hier als Auteur ebenfalls um Drehbuch, Schnitt und Fotografie kümmert, dazu bedarf es nicht erst der kleinen Danksagung im Abspann an Jess Franco und Dario Argento.
"Another" weist in der Herangehensweise Ähnlichkeiten zu den Filmen von Cattet und Forzani ("Amer", "L'étrange couleur des larmes de ton corps") auf, gibt sich im Ablauf jedoch weniger kryptisch und hilft dem Zuschauer durch einige erklärende Dialoge bei der Orientierung in den Bildwelten. Diese bauen nicht unbedingt aufeinander auf, sondern entspringen einem Potpourri aus filmischen Stilen, die sich von dekorativer Werbung bis hin zum psychedelischen Farbenrausch erstrecken. Ein Nebeneinander der optischen Einfälle des letzten Jahrhunderts, nicht ganz so unverbunden, wie es in manchen Szenen wirken mag. In das Knallige und Farbenfrohe mischen sich bedrohliche Bilder des Mystischen und Okkulten, oft mit Wurzeln in der Natur, etwa die symbolisch eingesetzten Raben und das Ritual in einer Felsenhöhle. Unterschwellig durchziehen christliche Motive den Film, Mönchskutten und Latein künden am Offensichtlichsten davon, auch wenn Regisseur und Schauspieler in Interviews selbst auf die griechische Mythologie verweisen. (So wie Satanisten christliche Symbole umkehren, findet die Geburt der Hauptfigur durch den Mund der Mutter statt. Eine ganz neue Definition von Kopfgeburt und Muttermund.)
Bognacki erfreut sich offensichtlich sehr an einer eklektischen Auswahl von Schönheit, die er auf immer anderen, neu ausgestalteten Wegen mit dem Publikum teilen möchte. Die drei starken weiblichen Charaktere geben dem Leitmotiv einen Drall ins Hexische; die Männerfiguren hingegen bleiben unwichtige Karikaturen, Nebensächlichkeiten in den Kämpfen dieser Welt, zu goofy für eine echte Rolle. Weil Schönheit (ob nun weiblich, natürlich oder gegenständlich) auf Dauer ermüdend wirkt, nutzt er das Böse (und mitunter Hässliche) um die Spannung in "Another" aufrechtzuerhalten. Dies gelingt - bis auf den etwas dialogreicheren Mittelteil, der sich für mein Empfinden schon etwas zu geschwätzig und informativ ausbreitet, vor allem im Vergleich zum Rest des Films, welcher sich bei einer Spielzeit von knappen 80 Minuten noch den Luxus eines fast 10-minütigen Abspanns gönnt. Ganz im Sinne des Regisseurs erhascht man hier aber einen ausführlichen Blick auf eine weitere Stilfacette; man sollte den Abspann also eher als abschließende Szene betrachten, denn als Bilderrahmen für die Credits.
Im Aufeinandertreffen der stark stilisierten Einstellungen und ausgewählter klassischer Musik von Händel, Chopin, Puccini und Beethoven wirkt "Another" wie ein Werbefilm für das Böse: Elegant, verführerisch, sinnlich - mit so beunruhigenden wie transzendenten Momenten des Abgrunds, oft in Zeitlupe, deren ätherischer Effekt die Außerweltlichkeit zu unterstützen weiß.
Alle Dinge stehen Kopf, nicht nur die Kreuze, auch die Sterne und Punkte im Internet: Die lächerlich niedrigen Wertungen von "Another" bei imdb.com oder anderen Filmportalen zeichnen kein vorteilhaftes Bild der Abstimmenden. Apostel der ewig gleichen Erzählweise - möge der HERR ihren lahmen Seelen gnädig sein. 7,5/10

Trailer



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14.12.2018 14:18 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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