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Bella Ciao
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Pontypool

Kanada, 2008

Inhalt laut ofdb.de: "Eine mysteriöse Begegnung im Schneesturm am Valentinstagmorgen beschäftigt den erfahrenen Radiomoderator Grant Mazzy (Stephen McHattie). Eine Frau stand an seinem Beifahrerfenster und stammelte unverständliche Worte, bevor sie wieder in der Nacht verschwand. Trotzdem beginnt er seine Morningshow im Provinzsender von Pontypool professionell, wobei ihn die junge Assistentin Laurel-Ann Drummond (Georgina Reilly) und die Aufnahmeleiterin Sidney Blair (Lisa Houle) unterstützen. Doch der Morgen häuft mehr und mehr unheimliche Ereignisse an. Es gibt Meldungen von Geiselnahmen und von Gewalt. Der Außenkorrespondent berichtet von einer Menschenmenge, die eine Klinik stürmt und teilweise zum Einsturz bringt. Chaos bricht aus, Menschen werden zerrissen, Schüsse fallen. Und während sich die Ereignisse überschlagen, erreicht die Menschenherde auch schon das Aufnahmestudio und macht die Flucht unmöglich…"

In Bruce McDonalds Kammerspiel "Pontypool" (basierend auf einer Novelle von Tony Burgess) begrenzt man die Bilder auf ein Minimum und entwickelt die Geschichte einer Zombieinvasion allein über das Hörensagen. Die kargen Räumlichkeiten eines Radiosenders sind die einzigen Schauplätze des Films, der dem Zuschauer ungewohnte Konzentration auf Dialoge, Sounds und Musik abverlangt, weil ausschließlich hier die Geschichte erzählt und entwickelt wird. Es besteht in Grundzügen eine gewisse Ähnlichkeit zu Peter Stricklands "Berberian Sound Studio", nur dass in "Pontypool" keine vorhandenen Bilder aus der Erinnerung an frühere Filme abgerufen werden, sondern ab einem gewissen Zeitpunkt die Sprache und deren Informationsgehalt selbst dekonstruiert werden. Sprache wird eine Waffe, Verständnis wird tödlich.
Stephen McHattie ("The Tall Man", "The Fountain", "A History of Violence") spielt Radiomoderator Grant Mazzy und legt seine abgeklärte und knochentrockene Figur zwischen den fieberigen Ausbrüchen Dennis Hoppers und der Coolness von Lemmy Kilmister an. Er ist Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse und die treibende, neugierige Kraft, die sowohl die Invasion entdeckt, an ihr dranbleibt, um sie zu recherchieren und zu verstehen, als auch in zunehmender Verzweiflung daran glaubt, ein Gegenmittel entwickelt zu haben.
Der kanadische Film bezieht sich immer wieder direkt oder indirekt auf den Krieg der USA in Afghanistan und die Berichterstattung über diesen. Durch die aktuellen Ereignisse in Deutschland, wo sich die spazierenden Hirntoten zusammenrotten, um den vergifteten Worten geifernder Nazis zu folgen und gehirngewaschen bewaffnete Bürgerwehren zu bilden, mit deren Hilfe sie die Ungedanken des Mobs in die "wirkliche" Welt zu stanzen versuchen, ist "Pontypool" aktueller, als zum Zeitpunkt seiner ersten Veröffentlichung.
Die bemerkenswert einfache, gute und neue Idee, den geistigen Zerfall der Menschen darzustellen, bevor sie endgültig zu willenlosen Untoten werden, macht den Unterschied und aus "Pontypool" kein weiteres Genreprodukt, sondern einen eigenständigen Film, der auch wegen seiner Aussparungen so wirkungsvoll ist. Regisseur McDonald bebildert wenig bis gar nichts und lässt genügend unheimliche Lücken, um die Phantasie der Zuschauer auf Hochtouren durchdrehen zu lassen.
Gleichzeitig ist "Pontypool" auch ein Kommentar zu unserem Abbild der Welt, das wir fast ausschließlich durch die Medien vermittelt bekommen. Wenn unter diesen Ideen des "Draußen" nun ein fataler Gedanke zum Zuge kommt; er sich ungehindert ausbreitet und vervielfältigt, die Vorstellungen der Menschen übernimmt, kann dies üble Folgen haben. (Auch dies passt haargenau auf die aktuelle Situation mit PEGIDA und deren Geschwüren in Deutschland.) Was wissen wir eigentlich wirklich? Und was können lückenhafte, quasi erbgeschädigte Informationen anrichten, die sich durch das Stille-Post-Spiel an unzähligen Herden infiziert haben?
Bruce McDonalds apokalyptischer Infiziertenthriller, der so gut wie ohne Zombies und (sichtbare) Gewalt auskommt, befreit sich dank seines wohlüberlegten Konzepts aus den öden Abläufen des modernen Zombiefilms, der (für jeden Genrefan gut sichtbar) immer weiter zum stumpfen Actionspektakel degeneriert, in dem eine Horde vermeintlicher Übermenschen Jagd auf stigmatisierte Untermenschen macht.
In "Pontypool" wird nicht nur die ursprüngliche, sozialkritische Ebene aus den Filmen George A. Romeros wieder etabliert; neben der beliebten Medienschelte geht es hier auch um die eigenen Vorstellungen der Welt, wie wir diese in Sprache fassen und unser Sprachgebrauch wiederum die "Realität" beeinflusst und verändert.
Stephen McHatties furiose One-Man-Show kann sich voll und ganz auf den Charakter Grant Mazzy und die unheimliche, spannende Story verlassen, ohne in Blut zu waten oder dümmlich aufgesetzte Schocks bemühen zu müssen.
"Pontypool" ist ein genuin erschreckender, hintergründiger Film, der freiwillig auf die stärksten Argumente des Kinos - die Bilder - verzichtet, um unser Augenmerk auf eine andere Ebene zu lenken, die wir durchdringen und verstehen wollen, die so aber unser eigenes Ende besiegeln könnte. Eine Zwickmühle, aber: Sydney Briar is alive. 8/10

Trailer



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"Ich korrigiere Brockhaus-Definitionen, das ist immer so schlecht recherchiert, du Hurensohn!" (Danger Dan)
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Bella Ciao
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Gospel According To Harry

Polen/USA, 1994

Inhalt laut imdb.com: "Die Ehe von Karen und Wes zerfällt wie die Ruinen einer Sandburg. Karen kann nicht mal mehr mit ihrem Mann schlafen - der Sand ist buchstäblich in jede Ritze gedrungen. Harry, ein Steuereintreiber, sieht zu wie die Ehe auseinanderfällt. Als Beamter nimmt er Wes Beichte auf. Trotzdem ist er nicht im Stande ihm zu helfen. Das allmächtige Auge des Fernsehens glitzert über der Wüste..."

Lech Majewski, Regisseur von "Gospel According To Harry", konnte nicht nur David Lynchs Produktionsfirma Propaganda Films zur Co-Finanzierung und Veröffentlichung seines Wüstenstückes über den "everyday struggle" gewinnen; der spätere Star Viggo Mortensen übernimmt hier die männliche Hauptrolle Wes, während Jennifer Rubin, die man kurz zuvor in Oliver Stones "The Doors" sehen konnte, seinen weiblichen Gegenpart Karen spielt.
Alle Figuren in Majewskis Film sind Stereotype, auf das Niveau von Groschenromanen geschrumpfte Charaktere, die den alltäglichen Weg durch ihr Leben beschreiten - und zwar so, als sei es für eine seichte Fernsehsendung inszeniert worden. Man behandelt die großen Themen wie Liebe, Tod, Gott und das Finanzamt, jedoch äußerst oberflächlich und widerwillig. Es scheint, als würden Wes und Karen ihre Zeit lieber "sinnlos" vertrödeln und sich an Kinkerlitzchen ergötzen.
Im Umfeld eines Reihenhäuschens aus der Vorstadt hätte man damit sicherlich den langweiligsten und überflüssigsten Film aller Zeit drehen können, aber Lech Majewski ändert kurzerhand den Ort der Begegnung und verfrachtet das Paar in die Wüste.
Dies ist ein angenehmer Ort für Filmemacher, liefert er doch fast von alleine brauchbare Bilder, ist mit existenziellen Dingen und Fragestellungen aufgeladen und bringt einen gehörigen Schuss Mystik und Exotik mit. Andere Regisseure wie Alejandro Jodorowsky, Fernando Arrabal oder Michelangelo Antonioni waren sich diesem Sachverhalt sehr bewusst und nutzten die offensichtlichen Vorteile ebenfalls für ihre Filme, die sich mit den grundlegenden Dingen unserer Gesellschaft auseinandersetzen.
Es mag ein wenig nach Theater klingen, wenn die Inneneinrichtung eines Einfamilienhauses in den Sanddünen steht und alle Darsteller ihren Auf- und Abgang haben, zeitlich und räumlich getrennt. Lech Majewski widmet sich eben auch der Leinwand, versteht sich selbst jedoch vor allem als Poet, der nicht nur schreibt, sondern genauso Theaterstücke inszeniert. Eine der bekanntesten Aufführungen in Heilbronn (nicht zu verwechseln mit Robert Wilsons Inszenierung in Hamburg) unter seiner Regie, war Anfang der 1990er "The Black Rider"; ein Stück, das von Tom Waits und William S. Burroughs nach Motiven des "Freischütz" erarbeitet wurde.
Allein die weiter oben erwähnte, kleine Änderung der Perspektive macht "Gospel According To Harry" interessant und führt zu den wichtigen Momenten des Films: Momente der Freude, des Schmerzes und der Erlösung, in einer sonst eher gleichgültig-gedämpften Umgebung des Materialismus und der Sinnfreiheit. Manchmal ist die Kritik an der energie- und lustlosen Lebensweise der US-Amerikaner und Mitteleuropäer etwas dick aufgetragen, auch die Schlüsse, die Majewski zieht, sind nicht neu, teilweise sogar trivial, aber in so schöne Szenen und Sequenzen verpackt, die den Weltschmerz um die Isolation des Individuums (Niemand wird dir beistehen, sei dir dessen sicher!) in flirrender Hitze und gleißender Sonne präsentieren, dass man sich einfach erneut bestätigen lässt, was man eh schon dachte. (Vielleicht eine Falle, wird man dadurch doch genauso passiv wie Wes vor seinem Fernsehgerät. Aus dieser Lethargie erwacht er nur kurz, um seinem Vater genervt darum zu bitten, er solle doch nicht mehr versuchen ihm Versicherungen anzudrehen, schließlich sei er sein Sohn.)
Die satirischen Elemente stehen klar im Vordergrund, wenn sich ein schwarzer Jesus Christus, der Präsident der USA, das Finanzamt, die Ärzteschaft (plus Schuldeneintreiber des Krankenhauses im schmierigen Polyesterfreizeitanzug) und die Jungs vom Umzugsservice ein Stelldichein geben und vor allem ihre Rat- und Tatenlosigkeit, ihre Sinn- und Nutzlosigkeit unter Beweis stellen. Glücklicherweise sind auch die poetischen Augenblicke des Films in großer Zahl vorhanden, repräsentiert durch surreale Shots und Einfälle, die "Gospel According To Harry" über die eher nüchternen bis egalen Inhalte seiner Rahmenhandlung hinweg heben.
Regisseur Majewski gelingt eine alchemistische Glanzleistung: Er verwandelt Ur-Triviales in etwas Besonderes, er entdeckt winzige Augenblicke der Schönheit und der Erhabenheit in ca. 77 Jahren Alltagstrott.
Die religiösen Motive und auch die Unterteilung des Filmes in Kapitel, die sowohl nach Büchern der Bibel, wie auch nach Geschichten und Vorgängen aus derselben benannt sind, würde ich nicht überbewerten; es ist der christliche Firlefanz, der das Leben im Westen eben umgibt. Von völliger Gleichgültigkeit bis zum geifernden Fanatismus evangelikaler Kultführer reicht die Spannweite, die vor allem die Beliebigkeit und die Hilflosigkeit Gottes unterstreicht. Ein Fernsehgerät kann genauso gut die Absolution erteilen oder die Verkündigung des Herrn in alle Winkel der Welt tragen. Ach ja, Harry ist der Typ vom IRS, wir sahen hier also das Evangelium nach der Finanz- und Steuerbehörde der USA. Jesus H. Christ! 7/10

Ausschnitt



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27.01.2016 12:13 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Außerdem zwischenzeitlich gesehen:

Grave Encounters 1+2
Jeepers Creepers 1+2 [Re-Watch]
Ab in die Ewigkeit
Bin-Jip
Trick 'r Treat
Unter Kontrolle - Surveillance
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The House Of 1000 Corpses [Re-Watch]
Der Kuss vor dem Tode

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Love

Frankreich, 2015

Inhalt laut amazon.de: "An Neujahr wird der junge Amerikaner Murphy von einem Anruf der Mutter von Electra geweckt: Sie macht sich Sorgen um das Wohlbefinden ihrer Tochter. Electra ist seine große Liebe, die er nie so recht überwunden hat - obwohl er mittlerweile mit seiner ehemaligen Nachbarin Omi verheiratet ist, mit der er auch ein gemeinsames Kind hat, das in der Hitze der Leidenschaft eines One-Night-Stands entstand. Von Erinnerungen an die zügellose Zeit mit Electra gequält, zieht er los ins Pariser Nachtleben, um sie ausfindig zu machen."

Die großen Kinopaläste in Leipzig hatten Ende des Jahres 2015 eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit Über-Bullshit wie "James Bond: Spectre" und dem Disney-Aufguss der lahmen Blockbusterente "Star Wars" sichergestellt, so dass ich nicht in den Genuss einer 3D-Vorführung von Gaspar Noés neuestem Projekt "Love" kam. Einige Wochen später konnten sich wenige Nischen- und Programmkinos aufraffen, diesen Film zu zeigen, allerdings "bloß" in 2D.
Grund genug für mich, um auf den DVD-Release zu warten und "Love" in Ruhe zuhause anzuschauen. Der Regisseur selbst bevorzugt die 3D-Variante, allerdings scheint mir die Erklärung, die er dafür anführt, wenig einleuchtend zu sein: 2D und 3D seien wie Mono und Stereo und es mache eben mehr Spaß, sein Lieblingslied in Stereo zu hören. Selten einer weniger geglückten Analogie gelauscht. Whatever, Gaspar.
Die Ursprünge von "Love" können bis in die Zeit nach seinem ersten Achtungserfolg "Menschenfeind" zurückverfolgt werden, als das Drehbuch zu "Enter The Void" schon stand, es aber noch nicht abzusehen war, ob sich dieses Projekt jemals finanzieren ließe. Der kommerzielle Erfolg stellte sich erst mit "Irréversible" ein.
So skizzierte Noé schnell ein fünfseitiges Treatment mit seinen Gedanken zu den Themen Liebe und Beziehung und reichte es an Vincent Cassel weiter, den er kurz zuvor in einem Club kennenlernte. Dieser zeigte sich interessiert und schlug seine damalige Ehefrau Monica Bellucci plus seine eigene Wenigkeit als Besetzung vor, was Noé einleuchtete, obwohl er ursprünglich ein deutlich jüngeres Paar im Sinn hatte. Bei genauerer Betrachtung des Projekts, flößten den bekannten Schauspielern die intimen Momente mehr Respekt ein, als zunächst angenommen. Sie cancelten "Love" nach einer durchdiskutierten Nacht. (Die Zusammenarbeit wurde aber nicht verworfen. Mit den großen Namen im Gepäck war es leichter eine gescheite Filmfinanzierung zu regeln und so entstand "Irréversible". Ein "rückwärts erzählter Rape & Revenge-Film", dessen Plot Vincent Cassel erst für einen Scherz hielt.)
In "Love" dominieren ruhige Bilder (für die Kameramann und Langzeitkollaborateur Benoît Debie verantwortlich zeichnet), die eine alltägliche Liebesgeschichte erzählen, welche an der Unreife des männlichen Protagonisten scheitert. Schon früh wird man als Schüler im Deutschunterricht davor gewarnt, den Autoren mit der Hauptfigur (oder dem Ich-Erzähler) gleichzusetzen, aber Gaspar Noé gibt so viele Hinweise auf seine eigene Person (Vor- und Nachname tauchen als Rollennamen auf. "Gaspar" ist ein Kleinkind, keines der Liebe, sondern ein gedankenloser Fick, der die Beziehung zur Mutter mit Müh und Not flickt; "Noé" ein burgeoises Kunstgaleristenarschloch, das wohl den Teil des Regisseurs verkörpern soll, der sich hin und wieder an den Kunstbetrieb verkaufen muss), dass der Beruf der Hauptfigur (Filmemacher), neben dem immer wieder prominent in Szene gesetzten "Salò"-Filmplakat (Noés Lieblingsfilm), schon penetrant und aufdringlich wirkt. Auf Nachfrage bestätigt Noé er habe die Hauptfigur aus den Charaktereigenschaften von Kumpels und jungen Männern, die früher seinen Freundeskreis bildeten, montiert. (Und ich behaupte, die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Lucile Hadzihalilovic kann auch ein Fundus für Ideen und Versatzstücke gewesen sein.)
Die Öffentlichkeit interessierte in Bezug auf "Love" vor allem die Frage, ob dies nun noch ein Film oder schon Pornographie sei. Dazu gibt es eine einfache und klare Antwort: "Love" beschäftigt sich mit der Beziehung eines Paares, er zeigt Liebesszenen, keine Sexszenen (mit wenigen Ausnahmen).
Ich bin durch den gedankenlosen und schablonenhaften Umgang der meisten Filmemacher mit Sexualität und Liebe so konditioniert, dass ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf die Bilder zurücklenken musste, weil ich es gewohnt bin, dass nichts (Interessantes) mehr passiert, sobald ein Pärchen auf der Leinwand liebt. Die Distraktion wird noch durch den bemerkenswerten Soundtrack verstärkt, der Arbeiten von John Carpenter neben Stücke von John Frusciante stellt, einen grandiosen Einsatz von Funkadelics "Maggot Brain" inszeniert und auch die Goblins das Kinderlied aus Dario Argentos "Profondo Rosso" anstimmen lässt. Alles Lieblingsstücke des Regisseurs, alle eine Klasse für sich selbst - und alle mit Assoziationen aufgeladen, die mich immer wieder rausbrachten.
Der Anblick der Liebe war weniger reizvoll, als den Gedankengängen zu folgen, die die Musik weckte. Ein Problem, das sicher auch durch die eher nüchterne Herangehensweise verursacht wird: "Love" vermisst das Rauschhafte seines fabelhaften Vorgängers "Enter The Void".
Dafür hat Noé seine Schauspieler recht gut gewählt, vor allem Karl Glusman (der in manchen Szenen wie Eminem, in anderen wieder wie Steve-O wirkt) nimmt man die Rolle des überforderten Twens ab, der nicht begreift, dass er durch seinen Leichtsinn vielleicht alles zerstören wird, was er vom Leben erwartet. Aomi Muyock passt in dieses Bild, wirkt aber ernsthafter - trotz der gelegentlichen Ausraster. Die Rollennamen sind ähnlich dick aufgetragen wie die Selbstreferenzialität: "Murphy" nach Murphy's Law und "Elektra", das weibliche Pendant zu Ödipus.
Wie man es auch dreht und wendet: "Enter The Void" bleibt die Sonne in Gaspar Noés Universum, um die sich Planeten wie "Love" oder "Menschenfeind" drehen, auf genialischen Umlaufbahnen, sicher, die richtigen Einstellungen für den Weg zum Herzen der Galaxie, finden sich jedoch ausschließlich in seinem 2009er Meisterwerk. "Love" ist nur ein Satellit, wenn auch ein fuckin' großartiger. 8/10

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03.02.2016 13:35 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Antropophagus

Italien, 1980

Inhalt laut ofdb.de: "Ein Mann und seine Familie erleiden Schiffbruch. Sie treiben tagelang ohne Nahrung auf dem Meer, bis der immer stärker werdende Hunger kannibalistische Neigungen bei dem Vater auslösen. Schließlich wird er zum Menschenfresser und hält sich mit dem Fleisch seiner Familie am Leben. Er erreicht eine Insel und taucht dort unter. Als eine Gruppe junger Leute eines Tages einen Ausflug auf die Insel machen, müssen sie feststellen, dass alle Einwohner verschwunden sind und ihr Dorf völlig ausgestorben ist. Die Urlauber ahnen nichts von dem Schrecken, der sie erwartet..."

In Großbritannien als "video nasty" gebrandmarkt, wurde "Antropophagus" auch in anderen Ländern schnell in die Schmuddelecke gedrängt, fatal zensiert und fristet bis heute ein Dasein in den finsteren Ecken der Videotheken, die Otto Normal nur aufsucht, um beim Anblick der Stills auf den Backcovern erregt darüber zu geifern, was sich die Perversen, Kranken und Gestörten so alles anschauen.
Im Gegensatz zu einem Borefest wie "Muttertag" ist der Bekanntheitsgrad von "Man-Eater" (Verleihtitel) nicht nur auf seine Beschlagnahme zurückzuführen.
Joe D'Amato ist ein mehr als brauchbarer Regisseur und Kameramann, der unter anderem auch Jean-Luc Godard assistierte. Ihm gelingen hier nicht nur ein paar hübsche Einstellungen, er konzipiert den Film vom sonnendurchfluteten, idyllischen Anfang zum dunklen, in Erdtöne gebetteten Ende stringent durch und kann so eine morbide Atmosphäre des Zerfalls schaffen, die leider hin und wieder vom Kreischen der Kirchenorgeln, die sich auf dem Soundtrack finden (der ansonsten gelungene, atonale Synthesizerkulissen und ein wenig griechische Folklore verarbeitet), sabotiert wird.
Das Drehbuch von Luigi Montefiori, der auch die Rolle des Kannibalen unter seinem Pseudonym George Eastman übernimmt (und mit seinem Schauspiel überhaupt nicht zufrieden war - glücklicherweise reicht allein seine imposante Statur aus, um dem Menschenfresser eine schaurige Leinwandpräsenz zu verleihen), unterstützt die immer finsterer voranschreitende Entwicklung der Geschichte durch einen gemäßigten Ton. Wo in anderen Genrefilmen schon Zeter und Mordio geschrien und großes Heulen und Zähneklappern herrschen würde, verhalten sich Montefioris Figuren bedacht und ruhig. Man kann ihr Verhalten fast rational nennen, auch wenn sie allen Grund haben, hysterisch auszuflippen. Bezeichnend ist eine Szene zu Beginn von "Antropophagus", die ganz ähnlich in vielen Horrorfilmen auftaucht: Eine Figur legt einer anderen die Karten. In zehn von zehn Fällen kann man davon ausgehen, dass niedrig budgetierter Horror hier die Todeskarte zückt, nicht bei D'Amato (der eigentlich Aristide Massaccesi heißt und unter diesem Namen auch als Co-Autor und Kameramann im Vorspann aufgeführt wird) und Montefiori: Das Tarot ist nicht lesbar. Nur ein kleiner Schlenker, der das abgestandene Plumpe vermeidet, aber ein wirksamer. Dies zieht sich durch den restlichen Film und sorgt hin und wieder für positive Überraschungen, wenn die Geschichte dann doch mal aus Versehen ein Stereotyp zu sehr ausreizt, wie etwa die aus dem Fundus des "gothic horrors" stammende Gruselvilla inklusive Geheimgang.
Wie er auch seinen Bildern immer mehr das Licht der Sonne entzieht und Symbole des Todes, des Pesthauchs und des Niedergangs des Lebens mit laufender Spielzeit gehäuft zusammenkommen, beginnt D'Amato auch sparsam mit den Splatter- und Gore-Einlagen, die er dann in den letzten 15 Minuten deutlich steigert und auskostet. Kein Vergleich zu den Zoom-Orgien eines Lucio Fulci, aber dennoch deftige, handgemachte Kost.
Diese schlug einem Mitglied der BPjM, die für den Antrag zur Beschlagnahme von "Der Menschenfresser" (dt. Titel) verantwortlich zeichnete, so sehr auf den Mimimi-Magen, dass der Zensur-Zampano ernsthaft erwägte, eine Anzeige wegen Körperverletzung einzureichen. Welche Szene genau dazu geführt hat, ist nicht überliefert, ich vermute aber, dass weder die Gesichtshäutung im Dachstuhl, noch die Selbstverspeisung der Innereien in Betracht kommen, sondern die Szene, in der George Eastman eine Schwangere tötet und deren Embryo verspeist, der im Film von einem gehäuteten Hasen "gedoubelt" wird. Eine ähnlich heftige Zensurreaktion folgte fast 30 Jahre später und wieder ging es um ein Neugeborenes, diesmal in "A Serbian Film".
Den auf "Antropophagus" folgenden Filmen von Joe D'Amato ("Buio Omega", "Rosso Sangue") widerfuhr das gleiche Zensurschicksal, zumindest in der BRD: Sie wurden beschlagnahmt. Keiner der beiden kann sich ähnlicher Verdienste wie "Man-Eater" rühmen. Wo "Buio Omega" zumindest eine sicke Atmosphäre vorweist, verkommt "Rosso Sangue" (ebenfalls mit George Eastman als Monster), der in Deutschland - fälschlicherweise als Fortsetzung zu "Antropophagus" vermarktet - unter dem Titel "Absurd" in die Videotheken kam, zu einer Splatter-Nummernrevue, bei welcher man sich mühsam von Kill zu Kill langweilen muss.
"Antropophagus" ist ein feiner Vertreter der harten Horrorwelle aus Italien. Zu hart für die Memmen der BPjM, zu gut, um im Wust ähnlich gelagerter Filme unterzugehen. 7,5/10

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14.02.2016 12:52 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Außerdem zwischenzeitlich gesehen:

Tokyo Gore Police
Dead Man's Shoes
Blood Diner
In The Company Of Men - Tun wir jemandem weh!
Cobain: Montage Of Heck
Irréversible
Let's Scare Jessica To Death
Das brandneue Testament [Kino]
Paradies: Glaube
Twin Peaks (Season 1)
Ulrich Seidl und die bösen Buben
Paradies: Hoffnung
Children Shouldn't Play With Dead Things
The House On Sorority Row
Masters Of Horror: Dance Of The Dead
Eko Eko Azarak: Wizard Of Darkness

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14.02.2016 12:57 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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The Wicker Man

Großbritannien, 1973

Inhalt laut ofdb.de: "Police Sergeant Howie (Woodward) bekommt einen Brief, in dem er gebeten wird, auf einer schottischen Insel das Verschwinden eines 12-jährigen Mädchens aufzuklären. Als er auf der Insel ankommt, merkt er ziemlich schnell, dass etwas nicht stimmt. Niemand will das Mädchen gesehen oder gekannt haben, Kirchen sind verwüstet, die Einheimischen pflegen seltsame Sitten und Gebräuche. Zu spät merkt Howie, dass der Herscher der Insel, Lord Summerisle (Christopher Lee), ein teuflisches Spiel mit ihm treibt..."

Nachdem sich das Christentum durch Europa und Amerika planiert hatte, schickten sich die Bulldozer an, auch im Rest der Welt eine Monokultur zu errichten, die den Gesetzen und Riten des karnevalistisch-kannibalistischen Totenkults der aufgeblähten römischen Sekte gehorchte, welche dem jüdischen Sohn einer bettelarmen Zimmermannsfrau, geschwängert von einem "heiligen" Geist, bis zum heutigen Tage huldigt.
In Robin Hardys "The Wicker Man" verschlägt es Edward Woodward in der Rolle des Police Sergeant Howie auf eine rurale schottische Insel, wo sich abseits der britischen Hauptinsel und des europäischen Festlands ein heidnischer Kult entwickeln konnte, der der finsteren Lebens- und Liebesverachtung des Christentums eine positivere Sichtweise des Daseins entgegensetzt, nicht ohne eigene Schattenseiten.
Nach Jahren der aus dem Vollen schöpfenden Apfelernten, kommt es zum ersten Mal zu einer Missernte. Ein Menschenopfer soll Abhilfe schaffen. Ein kleines Mädchen an der Schwelle zur Pubertät wird vermisst.
So macht sich also der Polizist auf den Weg, das Verschwinden aufzuklären. Er ist ein bemitleidenswerter Mann, dessen völlige Leere nur durch seine Polizeiuniform und die auswendig gelernten Glaubenssätze der christlichen Religion zusammengehalten und vor der Implosion in ein schwarzes Loch bewahrt wird. In ihm spiegeln sich alle geistigen und seelischen Deformationen wider, welche die totalitäre Herrschaft des Christentums in der Welt verbreitet hat. Angefangen bei einer völlig wertlosen Autoritätshörigkeit, die nicht nur auf tönernen Füßen steht, sondern völlig unbegründet ist, bis zu einer phantasielosen Lustfeindlichkeit, die tiefere, schmerzvollere Ursachen haben muss, als nur eine zu eng geknüpfte Uniform.
"The Wicker Man" ist fest im Geiste der Hippiebewegung verankert, die den überkommenen Mief der althergebrachten Lebensweise überwinden will, und den Pestgeruch des Kadavergehorsams aus den bunten Kleidern schlägt, sowie die starr- und unsinnigen Regeln verlacht und bricht. Kann man bei diesem Totengestank überhaupt noch von einer "Lebensweise" sprechen? Durch die vergammelten Zähne der Alten pfeift allein schon der Tod sein Liedchen, seine Weise des Grauens.
Musik spielt eine große Rolle, manche sehen in Hardys Film sogar ein Musical. Soweit würde ich nicht gehen, aber "The Wicker Man" ist einer der seltenen Fälle, in der ein Filmemacher seiner Vision konsequent folgt, ohne sich um Konventionen zu scheren. Im Spannungsfeld zwischen schottischer und englischer Folklore, sowie den popmusikalischen Klängen des Folk Rock im Sinne der Incredible String Band oder Comus, wird der Film vom Herzschlag der Musik vorangetrieben, komponiert von Paul Giovanni, dargeboten und eingespielt vom Cast und der Gruppe Magnet.
"The Wicker Man" hätte es bei einem heutigen Kinostart schwer, zu sehr würde man die Parallelen zur "Mär vom edlen Wilden", die den naturwissenschaftlichen Zynikern des Fortschritts, die erstaunlicherweise noch mehr bornierte Dummheiten auf Lager haben als gläubige Christen, nicht mehr zugänglich ist, ausbreiten und gutmütig glucksend die Naivität hinter den Gedanken beschmunzeln. Police Sergeant Howie ist so sehr in seinen vermeintlichen Überzeugungen gefangen, dass er nicht in der Lage ist, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen. Die für seine Augen schockierende Lebensweise der Inselbewohner ist nicht befremdlicher, als die Riten und Kulthandlungen, denen er im Namen Jesus Christus anhängt. Der spirituelle Kahlschlag, den seine Religion verantworten muss, hinterlässt eine Leere, die ihn zusammenzucken lässt, wenn er auf geistiges Leben trifft, das nicht der leblosen, genormten Ödnis entspricht, die man in ihn während seiner Kindheit und Jugend hineingeprügelt hatte.
Das Traurige ist nicht der Tod eines Menschen zum Schluss dieses Films, sondern dessen ekelhafte Auferstehung in der Mehrheitsgesellschaft, die sich leider nicht so einfach verbrennen lässt, während sie ihren tief verinnerlichten, aber absolut nutzlosen Katechismus vor sich herbetet.
Mit Christopher Lee, der "The Wicker Man" zu seinen Lieblingsarbeiten zählt, und Britt Ekland (bekannt aus einem der vielen "James Bond"-Reißer) sind auch weitere Rollen mit großen Namen besetzt, alle machen ihre Sache tadellos, ebenso wie der Kameramann, der aus ruhigen, idyllischen Bildern infernalisches Grauen enstehen lässt, nicht ohne kecke, surreale Schlenker, die den mysteriösen Horror mit Witz und Humor unterfüttern. Eine saftige Bilderwelt, die sich nach allen Richtungen streckt, aber vor allem der Sonne zustrebt, während Edward Woodward in seiner Uniform verdörrt und verkrüppelt.
Schon damals versuchten die Produzenten Robin Hardys Pflanze im Keim zu ersticken und brachten den Film in einer Fassung in die Kinos, die so vom Regisseur nicht gewollt war und ca. 15 Minuten an Material vermissen ließ. Erst Jahrzehnte später konnte ein "Director's Cut" veröffentlicht werden. Umso erstaunlicher, dass "The Wicker Man" auch im "Original Theatrical Release" seine betörende Wirkung entfaltet. Da das Beschneiden der Triebe nicht fruchtete, beschloss man 30 Jahre später mit härteren Mitteln vorzugehen und dieses filmische Unikat mit der DDT-Wirkung eines Remakes endgültig zu vergiften. Es ist ihnen nicht gelungen. Die Sonne wird wieder aufgehen. 9/10

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I Want To Be A Soldier

Italien/Spanien, 2010

Inhalt laut amazon.de: "Als kleiner Junge möchte Alex Astronaut werden. Dafür hat er sich sogar einen imaginären Freund zugelegt, von Beruf Raumfahrer bei der NASA. Dann bekommt Alex Geschwister, seine Eltern beginnen öfters zu streiten, und der Fernseher in seinem Zimmer wird sein neuer Berater. Dort laufen Nachrichtenbilder vom Krieg, und nun möchte Alex Soldat werden. Sein imaginärer Freund ist jetzt ein Marine, und der Feind sind die Schwachen und Außenseiter an seiner Schule. Als seine Eltern die Veränderung registrieren, ist es vielleicht schon zu spät."

Ärgerlich - ja, ärgerlich scheint mir das richtige Wort zu sein. Der Umgang mit Medien ist hochgradig ärgerlich. Seit dem Siegeszug der Massenmedien haben sich Eltern, Erzieher, Prediger und Moralisten auf einen Feld- oder besser Kreuzzug gegen die Massenmedien begeben. Ob in den 1950ern Comics und Rock 'n' Roll, in den 1980ern Videofilme und Heavy Metal und ab den 1990ern der Computer und das Internet, diese Krieger fürchten um ihre Erstgeborenen, fürchten um die Unschuld ihrer Kinder.
Es scheint sie wenig zu stören, Gesellschaftssystemen anzuhängen, die durch Druck und Gewalt funktionieren, die zur Konformität zwingen und ganz nebenbei die wirkliche Lebensgrundlage nach und nach auslöschen. All dies ist kein Problem. Aber das Fernsehen verdirbt die Jugend. Das Internet verdirbt die Jugend. Menschen, denen Waffenexporte grundsätzlich schnuppe sind, sprechen von "Killerspielen". Schon die Terminologie beweist die mit Vorurteilen beladene Ignoranz dieser selbsternannten Kritiker und Jugendschützer.
Mit ihrer hetzerischen Geiferei gestehen sie sich jedoch nur ihre eigene Impotenz ein, ihre Kinder nicht vor miesen Ausbildungen in miesen Jobs schützen zu können. Nicht vor den geistlosen Tretmühlen, die sich Karrieren schimpfen. Dahinvegetieren und es Leben nennen. Stattdessen prügelt man auf Horrorfilme ein und feiert seine eigene Schlappschwänzigkeit mit wunderschön auswendig gelernten Idiotenphrasen wie "Lehrjahre sind keine Herrenjahre". Es ist zum Speien.
In genau diese Kerbe des Ärgerlichen schlägt auch Christian Molinas Film "I Want To Be A Soldier", der stets um ein wenig Eigenständigkeit bemüht (bloß nicht zuviel!), aber trotzdem dem konventionellen Erzählkino verhaftet, die Geschichte eines Zehnjährigen auf die Leinwand bringt, der sich mit familiären und schulischen Problemen plagt, die ihn früh in die Pubertät zwingen. Und zwar im buchstäblichen Sinne: Er möchte ein Mann werden, besser noch: ein Soldat!
Wie er auf diesen Trichter kommt? Nun, die eigentliche Handlung würde da die Geburt von Zwillingsgeschwisterchen anführen, welcher ein Kampf um die Stellung innerhalb der Familie folgt, vielleicht auch Rudelgerangel innerhalb der Hierarchie seiner Schule. Kinder, die ihre Grenzen austesten. Dies ist auch alles enthalten, wird um des Effekts Willen aber vom Regisseur konsequent kleingeredet und in den Schatten gestellt. Der Mann hat nämlich eine Überzeugung: Er glaubt zu wissen, dass übermäßiger und unbeaufsichtigter Fernsehkonsum zu einem degenerierten Dasein als schlechter Mensch führt. Dem Zuschauer wird dies in einer lachhaften Montage (man denke jetzt an "We need a montage!" aus Trey Parkers Puppentrick "Team America: World Police") zugemutet, die innerhalb einer oder zwei Minuten aus einem umgänglichen Sohn einen angehenden Faschisten macht. Wow! Und das nur durch den Konsum von Nachrichten und Kriegsfilmen.
Ab diesem Augenblick wusste ich, dass hier nichts mehr zu holen ist, denn selten wird man im Kino für so dumm verkauft. (Obwohl sie's ja immer wieder versuchen.)
Die spanisch-italienische Co-Produktion bemüht sich um einen seriösen Hollywoodanstrich (der in der deutschen Fassung durch die misslungene Synchronisation sofort wieder zunichte gemacht wird) und verpflichtet auch zwei alte Recken: Danny Glover (dessen Puppen-Avatar in "Team America: World Police" schön der Hals von einem Kätzchen zerfleischt wird) und Robert Englund (Nancy wird Freddy nie wirklich los, seit einigen Wochen möchte Robert Englund nicht aus meinem Fernseher verschwinden, egal ob "Masters of Horror"-Episode, eine "Married With Children"-Folge oder dieses Drama). Damit verrät Regisseur Molina dann auch die wenigen interessanten Punkte (z.B. den imaginären Freund der Hauptfigur). Gerade Robert Englunds Auftritt als Psychologe ist ein ziemliches Desaster. Er entspricht allen Klischeevorstellungen, die man in Bezug auf Psychologen haben kann, sogar bis aufs I-Tüpfelchen des Aufzugs. Die abgestandene Sülze von Grenzen und Tyrannen, die er über seinen imposanten Schreibtisch erbricht, setzt dem ganzen letztendlich die Krone auf. Ist das wirklich ernstgemeint?
Ich fürchte ja, ich habe zumindest keine stichhaltigen Beweise gefunden, die für Humor sprechen würden. Dieser Schinken nimmt sich bierernst. Ganz ohne Augenzwinkern.
Es bleibt eine nette Grundidee, über die der Regisseur strunzdumm und pathetisch defäkiert, weil er auf seiner Mission zum Schutz der Jugend den wahren Grund allen Übels erkannt haben will. Die melancholisch gemeinte Schlusspointe setzt dann nur noch ein kurzes, hysterisches Glucksen frei. Meine Fresse, denkt auch mal jemand an die Kinder? 4/10

Trailer



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03.03.2016 12:17 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Es begann um Mitternacht

Türkei, 1974

Inhalt laut ofdb.de: "Eine Gruppe blutrünstiger Verbrecher ist aus dem Gefängnis ausgebrochen. Von der Polizei verfolgt, dringt sie in ein Haus ein, in dem ein Arzt mit seiner Frau und seinem Kind wohnt und nimmt sie als Geisel. Der Arzt, begleitet von einem der drei Verbrecher, geht zur Bank, um ein hohes Lösegeld abzuheben. Währenddessen bewachen die beiden anderen Verbrecher die Frau und das Kind. In einem Amoklauf töten sie das Kind und vergewaltigen die Frau. Als der Arzt nach Hause zurückkommt, findet er das tote Kind und die Frau verrückt geworden vor. Er schwört Rache."

Das Türkische Kino? Terra incognita. Bis auf den unter Liebhabern des Trashfilms bekannten "Dünyayi Kurtaran Adam" (auch unter dem Titel "Turkish Star Wars" geläufig) und dem von der Presse zum Skandalfilm gemachten "Tal der Wölfe - Irak" fallen mir auf Anhieb keine türkischen Produktionen ein, wenn man von jenen absieht, die die BPjM ab und zu in ihrem "Einkaufsführer" veröffentlichte, nachdem mal wieder der Indexhammer kreiste. Wohl auch ein Grund dafür, dass "Çirkin dünya" (Originaltitel) für den internationalen Verleih Credits verpasst bekam, die ausschließlich italienische und englische Namen featuren - so wird hier gleich der Bezug zu ähnlichen italienischen Filmen wie "La casa sperduta nel parco" hergestellt. Die Alternativtitel "Mondo Brutale II" und "Last House In Istanbul" verweisen dann auf einen weiteren Klassiker des Rape & Revenge-Genres, nämlich Wes Cravens Schocker "The Last House On The Left".
Die Geschichte lässt sich ganz einfach mit "Ich komm' auf die Party und mach' Stress ohne Grund!" zusammenfassen: Eine übliche Bande von Kleinkriminellen, die aus einem soziopathischen Mastermind und seinen debilen Helferlein besteht, führt eine perfide "home invasion" durch. Ursprünglich mit dem Ziel der Polizei zu entkommen und das nötige Kleingeld beizuschaffen, das man nach der Flucht aus dem Knast so braucht, eskaliert das Ganze sehr schnell heftig und unschön.
Die brutalen Eindringlinge schleichen sich ins großbürgerliche Leben einer Arztfamilie und lassen ihren Launen freien Lauf. Während ihr Anführer (hinreißend charismatisch von Savas Basar dargestellt) auf halbgare Psychospielchen steht, befassen sich seine Mitläufer eher damit, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen, die durch ihr schmieriges Auftreten in speckigem Leder, inklusive Klappmessern und Ketten, mehr als nur angedeutet werden.
Die Stärken von "Es begann um Mitternacht" (der von 1983 bis 2008 in Deutschland indiziert war) liegen auch gar nicht im Bereich der Figurenzeichnung oder einer ausgefallenen Story, viel interessanter ist die zunehmend psychotische Entwicklung der Stimmung des Films, die sich über gute 75 Minuten kontinuierlich steigern kann. Regisseur Osman F. Seden (hier unter dem Pseudonym "Rowland Kramer" aufgeführt) weiß nicht nur an der Spannungsschraube zu drehen, er beginnt beim simplen Kriminalfilm und sublimiert diesen über Elemente des Psychodramas bis hin zum Horror des Finales, der den Zuschauer im Unklaren lässt, ob das abrupte Ende nur eine Rachefantasie, eine Vision im Delirium oder echte Morde sind.
Die visuelle Umsetzung des Themas beginnt zurückhaltend, die räumlichen Begrenzungen der Villa in den Hügeln Istanbuls reichen aus, um die isolierte Notlage der Familie sichtbar zu machen. Ein Gefängnis, das durch die pralle Farbgebung der Klamotten und die schwelgerisch-kitschige Innenausstattung konterkariert wird. Sobald wir im zweiten Teil des Films die sonnendurchflutete Terrasse des Anwesens betreten und diese von nun an den Hauptort der Handlungen darstellt, beschränkt Regisseur Seden sofort die Sicht auf das atemberaubende, mediterrane Panorama, indem er den Bildhintergrund verkleinert und perspektivisch stark vergrößerte, zum Teil bedrohliche Objekte (wie z.B. Stiefel) den Bildvordergrund dominieren lässt. Hier fallen auch erstmals die schrägen Einstellungen auf, die sich bis zum Ende des Films weiter häufen. Die Familie befindet sich immer noch in der Hand einer Gruppe wankelmütiger Gewalttäter und dies bleibt einem in jeder Minute bewusst, trotz satter Farben und Urlaubsflair.
Den gedankenlosen und rohen Umgang mit Tieren ist man im Exploitationkino der 70er gewohnt, selbst Tiertötungen sind keine Seltenheit. So rabiat wie in "Es begann um Mitternacht" aber mit einem Kleinkind (von etwa vier oder fünf Jahren) umgesprungen wird, wundert es mich, dass der Film nicht mehr diskutiert wurde. Neben "full frontal nudity", die in meinen Augen nicht zu beanstanden ist, gibt es eine Szene, in der man deutlich erkennen kann, wie das Kind mehrmals unter Wasser gedrückt wird. Es folgen ähnlich rücksichtslose Szenen zusammen mit der Darstellerin der Mutter (gespielt von Hülya Koçyiit), wieder unter Wasser, sowie eine letzte Einstellung, in welcher der Knirps in den Pool geworfen wird. (Hier erkennt man dann auch endgültig, dass dies nicht die Puppe war, die man später leblos am Grund des Pools treiben sieht, denn sofort nachdem der Junge ins Wasser eintaucht, ziehen ihn zwei starke Arme wieder aus dem Wasser.) Der Kleine macht seine Sache übrigens sehr gut und alle Szenen mit ihm kann man getrost als Highlights verbuchen.
Während zu Beginn noch konventionell und dialogreich die Verhandlungen mit den Eindringlingen im Vordergrund stehen, entfernt sich Regisseur Seden im Verlaufe des Films immer mehr von der erzählerischen Ebene, um alleine die Bilder wirken zu lassen. Im epilogisch anmutenden Finale, welches nach einem aufreibenden Klimax und Gewaltausbruch stattfindet, bebildert er nur noch den Geisteszustand der Mutter, den er mit den Mitteln des Horrorfilms gestaltet und beendet "Es begann um Mitternacht" mit einem Knall.
Selten habe ich einen Film gesehen, der sich so konsequent steigert und ein eher gebräuchliches Sujet kontinuierlich in kleinen Schritten umgestaltet, um von einem herkömmlichen Krimiplot zur impressionistischen Innenansicht des zerstörten Familien-, Liebes- und Lebensglücks zu gelangen. Wirklich sehenswert. 7,5/10

Trailer



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11.03.2016 10:57 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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die "tagline" big grin


übrigens noch passend zum dem link letztens (aber vielleicht auch schon bekanntsmile


der "Every Frame a Painting" youtube channel

so haben bspw. die videos über Robin Williams und gerade auch das über Jackie Chan mich deren Arbeit noch mehr anerkennen lassen. das sind aber auch noch einige andere sehenswerte bei.


ansonsten gibts auch noch etliche interessante videos in diesem video Kanal (in dem wohlgemerkt content von diversen anderen verlinkt wird): https://vimeo.com/channels/cinephiles





ontopic:

seit dem letzten posting "The Force Awakens", "The Hateful Eight" (in glorious 70mm!) und "Deadpool" im Kino gesehen. unterhalten haben mich alle (Bella Ciao kriegt das Schaudern beim Lesen), am besten gefallen hat mir (erwartungsgemäß?) Zweiterer.

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Alexandra's Project

Australien, 2003

Inhalt laut ofdb.de: "Alexandra ist eine treu sorgende Mutter und Ehefrau - scheinbar. Denn unter ihrer Fassade verbirgt sie, dass sie im Schatten ihres beruflich erfolgreichen Gatten Steve ein trostloses Leben als Hausfrau und Mutter führt. An Steves Geburtstag will sie ihrem Ehemann aber mal ein ganz tolles Geschenk machen, das dieser niemals vergessen soll..."

Zum Schluss von Rolf de Heers 1993 entstandener Tragikomödie "Bad Boy Bubby" zoomt die Kamera aus einer irritierend kitschigen Spießeridylle, die der Hauptfigur nach einer langen Odyssee eine Heimat verspricht, heraus und verschwindet, den gutbürgerlichen Vorort immer kleiner werdend unter sich lassend, im Himmel über Australien.
Zehn Jahre später steigt das cineastische Auge erneut hinab, um - knapp einen Meter über dem Boden schwebend - diesem (oder einem ähnlichen) Viertel einen Besuch abzustatten. Äußerlich hat sich nichts geändert: Die Häuschen sind herausgeputzt, der Rasen akkurat geschnitten, die Blumen gegossen und die australische Sonne lacht so freundlich, dass sie das Ozonloch und den fürchterlichen Hautkrebs vergessen macht.
Mittlerweile haben sich an der Oberfläche jedoch Risse gebildet, die unterirdisch zu Gräben auswachsen: Der Traum von Familie und Haus im Grünen erweist sich in den zähen Rückschlägen und Demütigungen des Alltags als nicht greifbare Projektion eines Wunschtraums, als anerlerntes Glück, welches alle Beteiligten stranguliert und in Schach hält.
Ganz gemächlich baut Regisseur Rolf de Heer seinen niedrig budgetierten Film auf und nutzt lange Kamerafahrten und bedächtige Kranschwenks, um zusammen mit der farblich gedämpften und gedeckten Stimmung innerhalb des Hauses, in dem sein Kammerspiel aufgeführt wird, eine angespannte Atmosphäre zu entwerfen, die blitzt und grollt, wie lange vor einem Gewitter, aber erst nach und nach den Regen prasseln lässt, der die Unklarheiten beiseite wischt und das hässliche Skelett freilegt, das lange unter dem Staub des Anstandes und der Fügsamkeit begraben war: Alexandra hat einen Plan. Sie hat ein Geburtstagsgeschenk für ihren Mann Steve.
Dieses Geburtstagsgeschenk ist ein Fluchtversuch und ein erfolgreicher Befreiungsschlag Alexandras, sowie eine hinterhältige und fiese Attacke auf Steve. Sie kommt in Form einer Videokassette, die hübsch verpackt neben dem Fernseher drapiert wurde.
Den Großteil der 100 Minuten von "Alexandra's Project" wird der Zuschauer nun mit Schuss-Gegenschuss, den filmischen Porträtaufnahmen der Protagonisten, verbringen und einem Dialog lauschen, wenn man diese Art der Kommunikation denn wirklich einen Dialog nennen kann: Ein monologisierendes Videoband trifft auf die verzweifelten Verwünschungen und Einwürfe des attackierten Ehemanns.
Dieser muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass er seine Frau nie geliebt, nur ihren Körper begehrt und im Endeffekt auch dieses Stück "Fleisch" geheiratet hat. Alexandra spielt ein paar böse Spielchen, die Steve ein für alle mal klarmachen sollen, wie einseitig fixiert er in dieser Beziehung war. Das "Fleisch" soll mehrmals zerstört werden: Von Pistolenkugeln, von Krebs. Sie führt seine Interessen vor, indem sie das, was er für sein exklusives Recht hält, freigiebig an den verhassten Nachbarn verteilt: Die Berührung des "Fleischs", die Penetration des "Fleischs".
An dieser Stelle des Films mag sich der Zuschauer fragen, womit Steve die Terroranschläge auf sein Selbstbewusstsein und seine Einstellung zum Leben verdient hat. Wahrscheinlich hat er das gar nicht, es ist bloß der einzige Ausweg für Alexandra aus einer Beziehung, die sie zermürbt und in aller Konsequenz irgendwann töten wird. Vor der Verwirklichung ihres Plans, der Umsetzung ihres Projekts, scheint ihr Leben nur noch eine grausame Aneinanderreihung von Schmerz und Lappalien zu sein. Ihr ist jedes (und auch das letzte) Mittel recht, um nicht mehr auf diese Art leben zu müssen. Ihr Ausbruch ist nicht fair, er ist schlicht überlebensnotwendig.
"Alexandra's Project" ist durch und durch ein Gedankenspiel, daher auch hochgradig konstruiert, selbst in den wenigen Zufällen, die de Heer zulässt. Chronologisch gedreht, minutiös geplant und fast mathematisch genau ausgeführt, sind es die darstellerischen Leistungen von Gary Sweet und Helen Buday, die den Film mit Leben füllen und die (oftmals) ohnmächtigen Gefühle gegen die absolute Kopfgeburt der Rahmenhandlung setzen. Der sparsame, ja, eher knauserige oder geizige Umgang mit Musik im Film verstärkt diesen Eindruck enorm. Die audiovisuelle Ebene mag hinter den erzählerischen Gemeinheiten verschwinden, die Gier des Spannungskinos auf die Auflösung der Ereignisse die hübsche Verzahnung von Bild und Ton überdecken, letztendlich sind sie es jedoch, die "Alexandra's Project" zusammenhalten und zum gewünschten Ergebnis führen. De Heer inszeniert Ehekrise und Aufbruch in ein neues Leben unter Einbeziehung des größtmöglichen Kollateralschadens. Kompromisslos und dennoch hochgradig beherrscht in der Form. Don't be sorry. Never be sorry. 7,5/10

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13.03.2016 13:05 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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@xLaGrandex: Die Tagline stammt von X-Rated, ähnlich wie der neue Titel "Mondo Brutale II" und soll wohl ein paar Kunden ziehen, die sich hier eine Gewaltorgie erhoffen. Viel Blut gibt es in "Es begann um Mitternacht" aber gar nicht zu sehen. big grin

Auch die neuen Links sind wieder sehr interessant. Danke dafür! daumen hoch

Über "Deadpool" hört man ja nur Gutes, keine Ahnung, ob das auch wirklich ein "guter" Film ist. Bei "Star Wars" spielt halt die Übermacht der Nostalgie eine tragende Rolle, warum dieser öde Kitsch auch noch von Erwachsenen bejubelt wird, ähnlich wie in der Popmusik: Da redet man sich den furchtbarsten Scheiß mit Kindheits- und Jugenderinnerungen schön. Erster Kuss, erste Liebe, undsoweiterundsofort...
Bei Tarantino hinke ich schwer nach, ich sah noch nicht mal "Django Unchained", denke aber, dass die mir auch gefallen werden.

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"Deadpool" ist imo leicht überbewertet in dem Sinne, daß der Film nicht (wie gern behauptet) komplett "anders als die üblichen Superhelden Filme" ist.


"Django Unchained" fand ich damals übrigens leicht enttäuschend.

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"Daredevil", season two.

schon ziemlich großartig, wenngleich ich manche Rezensionen nicht ganz nachvollziehen kann .... wenn zum Beispiel - fairerweise auch teilweise befeuert von Aussagen der Hauptdarsteller - so getan wird, als seien die Marvel Netflix quasi "viel mehr als Superhelden-Serien".

(diese Leseart hat mich aber auch schon damals schon bei den Nolan "Batman" Filmen gestört)

zustimmen würde ich allerdings, daß die Netflix shows (wie übrigens zu einem gewissen Grad auch ihre abc counterparts, "Agents of SHIELD" und "Agent Cart"), mehr Möglichkeiten für "Charaktertiefe", insbesondere hinsichtlich der Gegenspieler, haben - allein schon schlichtweg, weil es ein riesiger Unterschied ist, ob man im äußersten Fall zweieinhalb Stunden ("Avengers: Age of Ultron") oder eben über zehn Stunden Zeit hat, eine Geschichte zu erzählen.


sidenote: interessant auch, wie sehr das Netflix Modell, alle Episoden am gleichen Tag hochzuladen, diesen Tag bzw. dieses Wochenende dann zu einem "Event" macht (weil klar ist, daß der Großteil der "diehards" die show unverzüglich sehen und darüber diskutieren werden).

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Barbarella

Frankreich/Italien, 1968

Inhalt laut ofdb.de: "Im Jahr 40.000 wird die Erde durch den Wissenschaftler Durand-Durand bedroht, woraufhin der Präsident die hocherotische Barbarella (Jane Fonda) losschickt, um den Heimatplaneten zu retten. Barbarella und ihr Helfer, der blinde Engel Pygar (John Philipp Law) müssen daraufhin eine Menge seltsamer und sexueller Abenteuer bestehen, bis sie den Untergang abwenden können."

Meine Lavalampe hat den Raum erst so richtig gemütlich gemacht. Nach dem Genuss von "Barbarella", basierend auf dem Comic von Jean-Claude Forest, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich meine originale Mathmos noch länger in meiner unmittelbaren Umgebung dulden soll. In Roger Vadims Sci-Fi-Spaß aus dem Jahre 1968 ist "Mathmos" die Verkörperung des Bösen in Lavaform, eine gedankenmanipulierende und seelenfressende Entität, die unterhalb der "City of Night" Sogo liegt und die Geschicke der Bevölkerung bestimmt. Wer nur ein Fünkchen Gutes in sich trägt, wird in das Labyrinth verbannt; eine Art Exiltrabantenstadt für die "Gutmenschen".
Barbarella (gespielt von Jane Fonda, die zu diesem Zeitpunkt noch mit Regisseur Roger Vadim liiert war) kommt eigentlich vom befriedeten Planeten Erde und sucht nach dem verschollenen "mad scientist" Durand-Durand (ja, die Pop-Gruppe Duran Duran lieh sich ihren Namen aus diesem Film), der eine Überwaffe, die "positronic ray gun" gebaut hat, mit der er jedes Lebewesen komplett aus allen vier bekannten Dimensionen radieren kann. Nach knapp 40.000 Jahren "Peace & Love" sieht sich die "Republik Erde" einer neuen Bedrohung ausgesetzt.
So stelzt also Jane Fonda, immer etwas wackelig auf den langen Beinen, in Kostümen von Designer Paco Rabanne durch eine feindselige Weltraumlandschaft, deren Optik sowohl den klassischen Sagen und Mythen der Erde, wie dem psychedelischen Boom der End-60er einiges zu verdanken hat. Es ist weniger klischeehaft als zutreffend, wenn ich behaupte, dass Kameramann Claude Renoir sein Objektiv durch das Blubbern einer dieser Lavalampen ersetzt hat und auch sonst den zeitgeistigen Projektor- und Farbspielereien, wie sie z.B. auch auf den Gigs der frühen Pink Floyd zum Einsatz kamen, nicht im Mindesten abgeneigt erscheint.
"Barbarella" ist vornehmlich ein visuelles Bonbon, eine optische Süßigkeit, deren Plot man nicht zu ernst nehmen darf, gibt sich der Film doch selbst in jeder Minute augenzwinkernd und selbstironisch. Die Schauwerte variieren dabei von der schon erwähnten Psychedelia, über knuffige Fantasy-Weltraummodellbauten, zu scharfen Miezen in engen Fummeln, die ihre Rundungen neckisch (aber nicht exhibitionistisch) der Kamera präsentieren. Überhaupt hält "Barbarella" überraschend gut die Balance und droht nie in die frivolen Lächerlichkeiten der Sexklamotte, die in den frühen 70ern populär werden sollte, abzugleiten. So z.B. die Orgasmusszene zwischen Revolutionsführer Dildano (dargestellt von David Hemmings, einem englischen Star, der sich in Italien ganz wohl fühlte, wenn man z.B. seine Hauptrollen in "Blow-Up" und "Profondo Rosso" bedenkt) und Barbarella, die den auf der Erde entwickelten, neuartigen Pillensex vorführt: Slapstick, klar, aber mit Sinn fürs Detail, das eigentlich dem Hau-Ruck-Spiel von Jane Fonda entgegensteht. David Hemmings holt hier die Kohlen aus dem Feuer: Schon in den aufbauenden Szenen, in denen er sein dysfunktionales Untergrundlaboratorium ausreizen darf - einer Sequenz, die an die zwei tollpatschigen Wissenschaftler und ihr Instrumentarium aus Richard Lesters Beatlesfilm "Help!" erinnert.
Auch weitere Rollen glänzen mit bekannten Gesichtern: Etwa die schwarze Königin, verkörpert durch Anita Pallenberg (die eine Beziehung mit Brian Jones führte, bis dieser sie an Keith Richards verlor) oder den weisen, aber spitzbübischen Professor Ping, welchen Pantomime Marcel Marceau in seiner ersten Sprechrolle zum Leben erweckt.
Neben dem visuellen Einfallsreichtum, der verspielten Erotik und einigen sehr gut platzierten Einzeilern (Regisseur Vadim verlässt sich nicht auf Körperlichkeiten, auch nicht beim Humor), überzeugt auch der Soundtrack, der, zwischen gut gelauntem und manchmal symphonisch tönendem Easy Listening, hier und da auch experimentellen Psychedelic Rock ertönen lässt. Vielleicht etwas weniger zupackend als auf den Musikalben der damaligen Großmeister, aber charmant und präzise für Barbarellas Weltraumabenteuer ausgetüftelt.
Bleibt zuletzt noch die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Die britische Firma, die die Lavalampe erfand, benannte sich wirklich nach dem liquiden Bösen aus "Barbarella" (um). Ein bisschen unheimlich, das Ganze. Ich werde nachher vorsichtshalber den Stecker ziehen, wenn ich im Bett verschwinde. This is really a much too poetic way to die. 8,5/10

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Bedevilled - Zeit der Vergeltung

Südkorea, 2010

Inhalt laut ofdb.de: "Die Bankangestellte Hae-won (Ji Sung-won) wird auf der Arbeit auf der Toilette eingesperrt. Da sie denkt, dass es eine Kollegin war, schlägt sie diese vor den Angestellten und Kunden, nachdem sie sich befreien konnte, woraufhin sie für einige Zeit beurlaubt wird. Diese Zeit möchte sie nutzen, um auf Moo-do Island Urlaub zu machen. Dort lebten einst ihre Großeltern, doch mittlerweile leben nur noch wenige Menschen dort, unter anderem eine frühere Freundin von ihr, Bok-nam (Seo Yeong-hee), die ihr auch heute noch Briefe schreibt, da diese heimlich davon träumt, ebenfalls nach Seoul zu ziehen und die Insel hinter sich zu lassen. Relativ schnell muss Hae-won mitbekommen, wieso Bok-nam diese Insel verlassen möchte: Ihr Mann Man-jong (Jeong-hak Park) schlägt sie, während er immer wieder Prostituierte auf die Insel kommen lässt, mit denen er Sex hat. In letzter Zeit hat sie außerdem den Verdacht, dass er sich an ihrer Tochter, seiner Stieftochter Yun-hui (Lee Ji-eun-i), vergreift. Außerdem wird sie immer wieder von Man-jongs Bruder vergewaltigt und muss für die älteren Frauen der Insel fast jegliche Arbeit übernehmen. Hae-won hält sich zunächst aus allem raus, bis Bok-nam von der Insel fliehen möchte und von Man-jong entdeckt wird. Die Situation eskaliert..."

Bevor Jang Cheol-Soo sein Filmdebüt "Bedevilled" auf die Beine stellen konnte, arbeitete er unter anderem als Regieassistent für Kim Ki-Duk ("Crocodile", "Bin Jip"), der ein genauer, wenn auch auf den ersten Blick teilnahmsloser Beobachter der südkoreanischen Gesellschaft und ihrer Schattenseiten ist. Es verwundert also kaum, wenn auch Jang die Hässlichkeiten, die sich die Menschen untereinander antun, ausstellt und erforscht.
Die großen Kassenschlager des südkoreanischen Kinos auf dem internationalen Markt sind Rachethriller, die durch den phänomenalen Erfolg von "Oldboy", zu dem es mittlerweile sogar ein US-Remake gibt, begünstigt wurden. So siedelt Jang seine Geschichte ebenfalls dort an, verzichtet aber auf die Merkwürdigkeiten, durch die andere Beiträge zum Genre leichter als Unterhaltung konsumierbar sind.
Er baut seinen Film ruhig und ausführlich auf, leistet sich sogar den Luxus, eine vermeintliche Hauptfigur, Hae-won, einzuführen, die später eher zur Reflexion des Zuschauers beiträgt, als eine Akteurin im eigentlichen Sinn zu sein. Hae-won ist extrem passiv und spiegelt die Bemühungen des zivilisierten Menschen wider, sich von jeder Art von Ärger fernzuhalten, der auf das eigene Leben, auch nur in geringster Weise, übergreifen könnte. Sie besitzt keine Empathie und hat hervorragend verinnerlicht, zu gehorchen und wegzuschauen. Eine gefühlskalte Marionette, die, außer dem eisernen Befolgen der Regeln ihres Jobs, keinen Lebensinhalt vorweisen kann. Es muss also erst zur Katastrophe kommen (hier: ihrer Kündigung), bevor Hae-won sich an ein Leben zurückerinnert, das anders war.
Sie besucht ihre Jugendfreundin Bok-nam, die in der archaischen Provinz zurückblieb, in einer streng patriarchalisch geführten Inselgemeinschaft, die Ackerbau betreibt, Traditionen pflegt und sich mit allen Mitteln vom modernen Stadtleben in Seoul abgrenzt.
Dort steht Bok-nam an unterster Stelle der Hackordnung, sie wird ausgenutzt, gedemütigt und misshandelt. Jang Cheol-Soo lässt sich über die Hälfte seines Films Zeit, um dies in naturalistischen Bildern einzufangen, bevor er einen schwindeligen Blick in die Sonne wagt, der einen blutigen Amoklauf eröffnet, dem ein Fluchtversuch und der Tod von Bok-nams Tochter vorausging. Das wütende Delirium Bok-nams steht ab diesem Zeitpunkt gleichwertig neben der betäubenden Indifferenz Hae-wons. Nun auch in Einstellungen, die nicht nur tatsächliche Ereignisse zeigen, sondern den Gefühlen der Frauen Platz einräumen. Zu diesem Zeitpunkt köcheln jedoch nur noch Angst, Wut und Hass in diesem Hexenkessel.
Jang beherrscht über weite Strecken meisterhaft den emotionalen Ausdruck seines Films, bis er sich dann im Finale einen groben Schnitzer erlaubt: Die letztendliche Auflösung der Beziehung zwischen Hae-won und Bok-nam gerät zu einem peinlichen Ausbruch unfreiwilliger Komik, woran eine Flöte als Mordinstrument (sehr viel eleganter von Dario Argento und Sergio Stivaletti in "Non Ho Sonno" gelöst) und das "Lied vom Tod" große Schuld tragen.
Würde der melancholische Abspann mit seinem bittersüßen Schmerz/Schmelz nicht sedierend wirken, würde der Zuschauer höchst unzufrieden den Kinosaal verlassen und sich nicht weiter mit "Bedevilled" beschäftigen, der ja durchaus eine moralische Intention hat, vielleicht sogar einen moralischen Zeigefinger erhebt: Jang warnt sein Publikum davor, gedankenlos miteinander umzugehen. Für ihn sind die körperliche Gewalt vergangener Zeiten und konservativer Provinzen ebenso gefährlich, wie die kalte und egoistische Rationalität der zivilisierten Stadtmenschen - sie sind für Jang sogar zwei Seiten der Schneide eines Schwerts, das "durchaus das Ende der Zivilisation bedeuten" kann, wie er in einem Interview im Rahmen des Fantastic Fest 2010 zu Protokoll gab.
Die oftmals von der Kritik vorgenommene Zweiteilung in Drama und Slasher wird "Bedevilled" nicht gerecht, muss er doch als Einheit wahrgenommen werden, die in Blut, Staub und Schmutz, in Gewalt und Verderben, ein Plädoyer für Menschlichkeit und Empathie findet. Und auch wenn er beim Inszenieren der Gewalt nicht zimperlich vorgeht und Mordwerkzeuge und Location deutlich an das Slasher-Genre erinnern, findet Jang stets (das heißt, bis auf das oben schon erwähnte Ende des Films) die Grenze des Zumutbaren und erstickt den Rachefeldzug nicht in Brutalitäten an der Grenze zum Klamauk.
"Bedevilled" setzt sich durch die ungewöhnliche, nicht wirklich involvierte Figur Hae-wons deutlich von anderen Rachethrillern ab, die meist ein dichotomisches Weltbild vertreten, kritisiert aber gleichzeitig Tatenlosigkeit und das Einrichten in den Verhältnissen - die Kaltblütigkeit der Zivilgesellschaft. Und das ist der größte Pluspunkt von Jang Cheol-Soos gelungenem Debüt. 8/10

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Wonderwall

Großbritannien, 1968

Inhalt laut amazon.de: "Der Wissenschaftler Collins führt ein wohlgeordnetes Leben, das jenseits des Labors in erster Linie auf die Schmetterlingssammlung in seinen eigenen vier Wänden beschränkt ist. Eines Abends wird er durch laute Musik aus der Nachbarwohnung gestört. Er entdeckt ein kleines Loch in der Wand, durch das er das dort wohnende Fotomodell Penny beobachten kann. Die junge Frau und ihr Leben beginnen ihn derart zu faszinieren, dass er weitere Löcher in die Wand bohrt, um noch mehr Einblicke zu bekommen."

Nachdem die Beatles am 29. August 1966 ihr letztes Konzert im Candlestick-Park-Stadion in San Francisco spielten, war der hysterische Höhepunkt der Beatlemania, die George Harrison nach eigenen Angaben "sein Nervenkostüm gekostet" hatte, unwiderruflich vorüber und alle Mitglieder der Fab Four freuten sich entweder auf Freizeit und Reisen ohne Verpflichtungen oder die Möglichkeit, sich abseits der Tretmühle von Album-Konzerttournee-Album zu verwirklichen.
John Lennon war der erste der "mop tops", welcher die Gelegenheit beim Schopfe griff und mit dem Regisseur der Beatlesfilme "A Hard Day's Night" und "Help!", Richard Lester, die Kriegssatire "How I Won The War" in Almeria, einer Filmstadt in Spanien, vor allem bekannt für Western, umsetzte. Neben einer durchaus ordentlichen Schauspielleistung, schrieb er am Set auch "Strawberry Fields Forever", ließ sich die langen Haare schneiden und nahm allgemein Abstand vom Trubel um seine Band. Unterdessen werkelte Paul McCartney zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Beatles-Produzenten George Martin am Soundtrack zu "The Family Way" und auch George Harrison ließ sich zu einer Filmarbeit breitschlagen: Er steuerte die Musik zu "Wonderwall" bei. (Ringo urlaubte inzwischen und besuchte John Lennon bei den Dreharbeiten mit Richard Lester.)
Harrison bemerkte zwar, er habe "keine Ahnung, wie man Filmmusik schreibt", als Regisseur Joe Massot ihm aber zusicherte, er würde jede Musik verwenden, die Harrison für "Wonderwall" komponiere, machte dieser sich auf den Weg nach Indien, um seinem neuen Hobby zu frönen: Der traditionellen hinduistisch-indischen Musik, popularisiert durch Ravi Shankar. So finden sich auf dem Soundtrack zu "Wonderwall" viele Etüden Harrisons aus dem Feld der Musik Shankars, wenn auch in weniger poppigen Formen, als man sie auf den Beatles-Alben finden kann. Die Sessions zu "Wonderwall", die Harrison mit einheimischen Musikern einspielte, warfen auch die B-Seite "The Inner Light" der Beatles-Single "Lady Madonna" ab. Dazu gibt es ein paar herrliche Ausflüge in die gitarrenlastigen Sphären des Psychedelic Rocks, unterstützt von Harrisons Langzeitfreund Eric Clapton.
Ich kannte die LP "Wonderwall Music" schon einige Zeit, bevor ich den Film sah. Sie ist ein unebenes Flickwerk von gelungenen Melodien und Sounds, neben manchmal etwas uninspiriert wirkenden Klangteppichen und -landschaften. In Verbindung mit Joe Massots Film ergibt vieles, das auf dem Album einfach an einem vorüberzieht, jedoch plötzlich Sinn: Die kurzen Stücke bringen die Szenen auf den Punkt, sie öffnen für einen Augenblick ein Fenster durch die "Wunderwand" und untermalen nicht nur das Leinwandgeschehen, sondern gehen eine Symbiose mit ihm ein. "Wonderwall" ist ohne Harrisons Musik nicht vorstellbar, so wie Harrisons Musik ohne "Wonderwall" eine Dimension einbüßt.
Auf erzählerischer Ebene passiert in Massots Film nicht viel. Er zeigt uns einen zerstreuten, älteren Herren, Professor Collins (gespielt von Jack MacGowran, bekannt aus Roman Polanskis "Tanz der Vampire"), der sein wissenschaftliches Interesse nur in einen Job bei den Stadtwerken ummünzen konnte und auch ein bisschen den Anschluss an das Leben um sich herum verloren hat. Ihn plagen Albträume, die Beziehung zu seiner toten Mutter und er erlebt Fugen, die ihn ratlos zurücklassen. Sein einziger Zeitvertreib, der sich zu seinem neuen Lebensinhalt entwickelt, ist das Spannen. Er beobachtet seine Nachbarin, ein Model des Swingin' London (gespielt von Jane Birkin, Rollenname "Penny Lane"), durch ein Loch in der Wand, das lange durch seine Schmetterlingssammlung verdeckt war. Diese zerbrach und ließ die aufgespießten Gesellen plötzlich in einem Farbenrausch die zugestopfte Wohnung des Professors, die eher einer Höhle (oder vielleicht auch einem Kokon) gleicht, verlassen. Wie bei jeder guten Psychedelia ziehen die auffälligen und knallbunten Blüten der Pflanze ihre Energie aus dem zwielichtigen Mutterboden des Unterbewusstseins und der Träume. So verbindet auch "Wonderwall" ausgelassene Albereien mit dunklen Untertönen und Bildern, die auf der Kante des Spiegels balancieren, wo sie gefährlich schnell in ein anderes Extrem kippen können.
Auf diesem minimalen Narrativgerüst nutzt die niederländische Designergruppe The Fool, die unter anderem auch das Gebäude der Apple-Boutique in London gestaltete und als Protegé der Beatles gesehen werden kann, "Wonderwall" als Ausstellungsfläche für ihre Ideen und Arbeiten, die sie in farbenprächtigen "set pieces" aufleben lässt, welche Regisseur Massot im Sinne des psychedelischen Zeitgeists umsetzt, indem er einen alten, aber aufgeschlossenen Menschen, der seinen Platz in der Gesellschaft nie finden konnte, einen Ausblick (als Spanner!) auf die vitalisierende Aufbruchsstimmung der Jugend erhaschen lässt.
"Wonderwall" könnte auch ein direkter Wildwuchs aus Michelangelo Antonionis "Blow-Up" sein, immerhin teilen sich beide Filme nicht nur die Atmosphäre des Swingin' London und Jane Birkin als Darstellerin, sondern finden ihr Hauptthema im Beobachten, vielleicht sogar im Voyeurismus. Für Jane Birkin war der Dreh sicherlich keine all zu anspruchsvolle Aufgabe, hat sie doch keine einzige Dialogzeile und muss nicht mehr tun als posieren und gut aussehen. Dies führt zu einigen Stellen, die wie aus Werbefilmen wirken und das ist gewollt, denn die Oberflächlichkeit der Beziehungen, die die Menschen miteinander führen, kritisiert Joe Massot. Sie bedingen sogar das eher traurige Ende des Films, das leicht als Happy-End missverstanden werden kann, welches stattdessen aber das Verhältnis zwischen "altem" und "neuem" Leben relativiert.
"Barbarella" mag der unterhaltsamere, vergnüglichere und auch durchgeknalltere Film dieser Zeit sein (Anita Pallenberg ist ebenfalls wieder mit von der "Party" und spielt in "Wonderwall" eine Kleinstnebenrolle), aber wer ein Herz für Style und Message des "Summer of Love" hat, dabei auch die verschobenen Untiefen und Dissonanzen der End-60er wahrnehmen kann, kommt an "Wonderwall" nicht vorüber, gerade auch, weil Harrisons Soundtrack hier den Unterschied macht. 7/10

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My Dinner With Jimi

USA, 2003

Inhalt laut amazon.de: "Im Jahre 1967 macht sich die US-Rock-Band The Turtles - nach ihrem No.1 Hit "Happy Together" als die 'amerikanischen Beatles' bezeichnet - auf den Weg nach London, um ihre Idole, die wahrhaftigen Beatles, zu treffen. Doch die Reise in die Hauptstadt der Swingin' Sixties verläuft völlig anders als geplant, denn sie müssen feststellen, dass sie dort ganz und gar nicht die Stars sind, für die sie sich halten. Das ändert sich, als sie eines Abends im berühmten Nachtclub "The Speakeasy" doch noch auf einige der ganz Großen der Rockgeschichte treffen..."

Junge, ist dieser Howard Kaylan ein selbstverliebtes Arschloch. Nicht nur, dass er die Gelegenheit nutzt, um selbst das Drehbuch für einen Film über seine Band The Turtles zu schreiben, nein, er beutet diesen Glückstreffer auch noch soweit aus, sämtliche Beteiligte als grob gezimmerte Kasper darzustellen, was ihm selbst die Rolle des einzig "richtigen" Menschen (oder sagen wir: annähernd menschlichen Wesens) zukommen lässt, der stets im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Doch von vorne.
Nachdem sich Kaylans Surf-Truppe The Crossfires aus Los Angeles im Zuge des Folk-Rock-Booms in The Tyrtles (mit stilechtem Byrds-Ypsilon) umbenannt hatte und sich an Dylan-Covers versuchte, schafften sie es unter dem leicht veränderten Moniker The Turtles schließlich bis in die Charts der USA und sollten im Sommer 1967 einen Riesenerfolg mit "Happy Together" einfahren. "My Dinner With Jimi" setzt kurz vor diesen Ereignissen ein, um sich dann ganz auf die erste Englandreise der Band zu konzentrieren.
Schon zu Beginn nerven die naiven, unterbudgetierten Einstellungen von Regisseur Bill Fishman, die den Spirit des "Summer of Love" einfangen sollen, aber unglücklicherweise neben originale Archivaufnahmen gestellt werden, die die nachgestellten Szenen als das entlarven, was sie sind: Eine Ansammlung von falschen Bärten und Perücken, eine Kostümparty unter dem Motto "Let The Sunshine In", eine unprofessionelle Ansammlung dämlicher Klischees, die man an Karneval erwartet, aber nicht von jemandem, der angeblich "dabei" gewesen ist. Für eine halbgare Klamotte zum Thema Drogen und Vietnam hätte es sogar ausgereicht, der Subplot um die Einberufung zur US-Army des Turtles-Sängers Howard Kaylan deutet das an. Er ist der einzige halbwegs gelungene Teil des Films, wenn auch nicht sonderlich originell oder herausragend umgesetzt. Sein großer Vorteil besteht in der Tatsache, dass Howard Kaylan seine Aufmerksamkeitsgeilheit hier an verhassten Figuren wie Musterungsärzten und Armeeangehörigen ausleben kann, ohne sich an Musikern der Rock- und Popmusik vergreifen zu müssen.
Während man die Turtles vor ihrem Englandtrip noch auf dem Sunset Strip bewundern kann, darf sich das Publikum an völlig grotesken Karikaturen der damals aufstrebenden kalifornischen Rockstars erfreuen. Die schamlos untalentierte Darstellerriege kotzt einem einen lächerlich betrunkenen Jim Morrison vor die Füße, zeichnet Frank Zappa als neunmalklugen Nasenbären und findet, dass Mama Cass vor allem fett und schrill war. Und wieder diese Perücken! Diese billigen Kostüme!
Einmal auf den britischen Inseln angekommen, wird es nicht besser. Graham Nash von den Hollies kommt zwar glimpflich davon, dafür muss Donovan als schlecht geschminkter Yogavogel mit Glückskeksweisheiten dran glauben, ganz zu schweigen von den Mitgliedern der Moody Blues, die als blasierte Snobs auftreten. Endgültig vor Lachen vom Stuhl gerissen hat es mich, als Brian Jones die Szenerie betrat: Ein grell-gelber Wischmop in einem peinlichen Anzug, der Howard Kaylan um ein Autogramm bittet. Erstaunlicherweise sind alle Popstars, die in "My Dinner With Jimi" vorkommen, große Fans der Turtles und ihrer Musik...sowie natürlich der Stimme von Howard Kaylan. Das heißt: Alle - bis auf einen. John Lennon darf die Rolle des Spielverderbers und Miesepeters ausfüllen; er beleidigt den Rhythmusgitarristen "Tucko" der Turtles, der daraufhin die Band verlässt und nie wieder professionell Musik macht. Dies ist einer der wenigen Momente im Film, in denen Kaylan einem Ereignis Platz lässt, das wirklich so stattgefunden haben könnte. Lennon war als miserabler Trinker bekannt, der schnell ausfallend wurde und im Vollsuff ein regelrechter Bastard sein konnte. Selbst sein Duktus ist recht gut getroffen, was man von den anderen beteiligten Rockstars nicht behaupten kann. Die Darstellung von Jimi Hendrix ist sogar eine üble Ansammlung von Manierismen, die gelegentlich ins Rassistische zu kippen droht. In der Szene, die das Abendessen mit Hendrix im Speakeasy schildert, beschmutzt Kaylan Hendrix gleich doppelt: Einmal mit seiner Kotzerei, zum anderen mit seinen Drehbuchdialogen - fast vierzig Jahre später. Das muss man erstmal schaffen. Congrats!
Manchmal tut es gut, wenn die vermeintlichen Götter und Legenden der Rockmusik von ihren Sockeln geholt werden und ein frischer Wind den Staub wegpustet, der sich über die Jahre angesammelt hat und zur Kruste zu erstarren droht. "My Dinner With Jimi" ist aber eine hohle, narzisstische und widerlich primitive Selbstbeweihräucherung eines Mannes, der es anscheinend nicht verkraften konnte, einen Sommer lang das heiße Ding zu sein (immerhin verjagten die Turtles die Beatles mit "Penny Lane" von Platz 1 der Charts) und später als Studiomusiker (u.a. für den geschmähten Zappa) sein Brot in der Anonymität verdienen zu müssen. Wäre da nicht die über jeden Zweifel erhabene Musik, "My Dinner With Jimi" wären einfach nur die verkalkten Memoiren eines ziemlichen Idioten. 4,5/10

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11.04.2016 12:04 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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