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Bella Ciao
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The Substance: Albert Hofmann's LSD

Schweiz, 2011

Inhalt laut amazon.de: "“Three drops of this colorless, odorless, tasteless liquid would put you out of your mind for hours! – If you haven’t heard of LSD, you will”. Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs entdeckt der Schweizer Chemiker Albert Hofmann zufällig eine bislang unbekannte Substanz: LSD. Ein riskanter Selbstversuch lässt ihn das ungeheure Potenzial dieses neuen Wirkstoffs erkennen, der die Welt verändern wird. Hippies, Geheimdienste und das Militär erliegen seinem Rätsel. Selbst Mediziner streiten um die Verwendbarkeit von LSD als Heilmittel."

Die nüchterne und akkurat recherchierte Dokumentation "The Substance: Albert Hofmann's LSD" von Martin Witz stellt die wissenschaftlich-medizinische Entwicklung und den Gebrauch, sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen von LSD in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Zu Wort kommen die Größen ihres Fachs: Neben Albert Hofmann selbst (zum Zeitpunkt des Interviews 100 Jahre alt), legen Koryphäen wie Stanislav Grof und Timothy Leary ihre Theorien und Ansätze dar.
Leider streift der Film nur ansatzweise die Auswirkungen, die der Gebrauch von LSD auf Kunst und Kultur hatte, etwa durch ein paar Ausschnitte aus Auftritten der Grateful Dead, der Beatles und der Jimi Hendrix Experience. Ebenso kann man einem wissenschaftlichen Experiment zusehen, das einen Maler unter dem Einfluss der Droge zeigt.
Erschreckend ist der Schindluder, den Militärs und Geheimdienste mit LSD betrieben, nur um nach gefährlichen und menschenverachtenden Experimenten herauszufinden, dass der Stoff nicht zur Kriegsführung taugt. (Ein paar weniger brutale und eher heitere Szenen aus Militärlehrfilmen zeigt "The Substance" auch.)
Stanislav Grof behauptet sogar, dass eine "transpersonale Erfahrung" (die Auflösung des Ichs und das Gefühl der Einheit mit allem Lebendigen) einen entscheidenden Einfluss auf die Antikriegsbewegung hatte. Denn wer will schon einen anderen Menschen töten, im Bewusstsein, dass dieser ein Teil seiner selbst ist?
Erstaunlich sind auch die Erfolge der medizinischen Anwendung, die überragende Ergebnisse liefert, ohne eine längere Medikation, direkt innerhalb der ersten Therapie.
Um so unverständlicher ist das Verbot und die bis heute anhaltende Verleumdung von LSD, die auf das Misstrauen und die Angst der unzähligen Kleingeister unter den Herrschenden zurückgeht.
Mittlerweile gibt es jedoch erste Anzeichen der Entspannung, so darf in den USA wieder an Psilocybin (ein dem LSD sehr ähnlicher Naturstoff, enthalten z.B. in "Magic Mushrooms") geforscht werden. Die Überprüfung einer Studie aus den 1950er Jahren, die sich mit der Behandlung von Alkoholismus durch LSD beschäftigte, ergab 2012 außerdem, dass die Ergebnisse zutreffend und haltbar sind.
Martin Witz klammert bis auf eine Ausnahme die ausführlichen Schilderungen eines Trips eher aus, weil sich je nach Person, Set und Setting das Erleben stark unterscheiden kann. Es würde also keinen Sinn ergeben, in einem Wust von Erfahrungen zu baden.
Natürlich werden auch Ken Kesey und die Merry Pranksters erwähnt, es gibt einen Teil über Haight Ashbury, sowie Erklärungen zur Herstellung und zur Verbreitung, sowohl von Pharmariesen, wie auch im Untergrund.
Durch "The Substance" schillert Albert Hofmanns Geschenk an die Menschheit in positiven Farben, ohne dass der Regisseur jemals seine Neutralität aufgeben müsste. Bei richtigem Einsatz bzw. Gebrauch könnte LSD eine ebenso wichtige Entdeckung wie die Nutzung des Feuers oder die des Rads werden/sein. Nur Mut! 8/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=OCY5X3-uOAI



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"Ich korrigiere Brockhaus-Definitionen, das ist immer so schlecht recherchiert, du Hurensohn!" (Danger Dan)
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Bella Ciao
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Attack The Block

Großbritannien, 2011

Inhalt laut ofdb.de: "Gerade als die Krankenschwester Sam (Jodie Witthaker) auf ihrem Heimweg in einem Londoner Sozialwohnbau-Viertel von einer Jugendgang überfallen wird, kracht etwas aus dem Himmel in einen seitlich geparkten Wagen. Sam kann fliehen, aber Moses (John Boyega), der Anführer der Gang, sieht sich das genauer an und trifft auf ein seltsames Alien, dass ihn angreift und ihm eine Wunde im Gesicht zufügt. Wütend verfolgt er das seltsame, kleine Ding, ersticht es und bringt es als Trophäe zu Ron (Nick Frost), in dessen Wohnung im großen Stil Drogen angebaut werden.
Noch während die Gang im Hochhaus verweilt, landen an verschiedenen Punkten Aliens in London, getarnt innerhalb eines großen Feuerwerks. Doch diesmal sind es keine kleinen Aliens, sondern haarige, bissige Monster, die kein Erbarmen kennen. Als Moses von der Polizei verhaftet wird, die von Sam herbei gerufen wurde, wird er Zeuge von deren Zerstörungskraft. Mit Hilfe seiner Gangmitglieder kann er gemeinsam mit Sam fliehen, die sich in der Not der Truppe anschließt. Der Kampf gegen die Invasion beginnt..."

Die Verbindung von Horrorthemen und dem urbanen Lebensstil von Jugendlichen geht meistens in die Hose, weil sich Coolness, Macho-Attitüden und HipHop- bzw. Techno-Soundtracks (lahmer Dubstep in diesem Fall) nicht mit Grusel und Schrecken in Einklang bringen lassen.
"Attack The Block" bildet da keine Ausnahme, ist aber lange nicht so schlimm, wie man befürchten könnte.
Regisseur Joe Cornish nimmt seine Figuren ernst, auch wenn sie bisweilen üble Klischeeanwandlungen haben. Dies führt aber auch zu sehr amüsanten Momenten, gerade wenn es um "Fremdkörper" innerhalb des Blocks (wie einen aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden Kifferstudenten) geht.
Trotzdem zieht die Unentschlossenheit des Scripts "Attack The Block" nach unten. Ganz klar als Unterhaltungsfilm erkennbar, findet er nicht die Balance zwischen Humor und Horror. Er ist gleichzeitig nicht komisch genug, um unterhaltsam zu sein, und auch nicht spannend und blutig genug, um als Horror- oder Sci-Fi-Action zu funktionieren.
Was besonders übel aufstößt, sind die aufdringlichen, "positiven" Botschaften (in Bezug auf Gewalt, Drogen, Freundschaft, etc.), die Cornish dem angepeilten jugendlichen Publikum auf den Weg mitgeben will. Das gibt "Attack The Block" teilweise den käsigen Charme eines Lehrfilms. Lach- und Sachgeschichten mit dem Alien. 5,5/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=cD0gm7dHKKc



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Delicatessen

Frankreich, 1991

Inhalt laut ofdb.de: "Das alleinstehende Haus am Rande der Stadt wirkt unheimlich und bedrohend. Im Erdgeschoss gibt es Delikatessen. Seine Bewohner sind seltsame, spleenige Leute - auf absurde Weise aufeinander eingespielt. Alle interessiert nur eins: Frischfleisch. Sobald das Fleisch knapp wird, tritt ein kannibalisches Gesetz in Kraft; denn für die Gourmets von Herz und Leber muss gesorgt werden. Wer kommt als nächstes als Frikassee auf den Tisch? Als der Clown Louison als Hausmeister einzieht, wird die Serie des Sonntagsbratens unterbrochen. Die kurzsichtige Tochter des Schlachters möchte Louison nicht scheibchenweise auf dem Teller, sondern ganz und gar für sich. Eine Hausverschwörung bahnt sich an. Startschuss für eine Vegetarier-Gang, die in der Kanalisation auf ihre Chance zum Angriff wartet. Denn mit dem perversen Schlachter haben sie noch eine Rechnung offen..."

Mit "Delicatessen" haben sich Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet ein Puppenhaus gebaut, in dem sie die kleinen Episoden um ihre skurrilen Figuren und Einfälle aufführen können, ohne jeden einzelnen Mikrokosmos mit einer ausformulierten Geschichte ausstatten zu müssen. Dies wird durch eine archetypische Lovestory zusammengehalten, die von einer durch Familie und Gesellschaft bedrohten Liebe erzählt.
Klingt zuerst unspektakulär und auch ein bisschen nach schluderiger Arbeit, aber weit gefehlt: Caro und Jeunet sind detailverliebte Schöpfer eigener Welten und einprägsamer Bilder, die sich sowohl beim Stummfilm und dem zur gleichen Zeit populären Slapstick bedienen, wie auch bei Märchenmotiven, Horroreinflüssen und den damit zwangsläufig eng verbundenen Surrealismen und Traumbildern.
Angesiedelt ist das ehrenwerte Schlachthaus am Rande der Stadt in einem postapokalyptischen Paralleluniversum. Kleidung, Wohnungsinterieur, Autos und Elektrogeräte lassen auf das Frankreich der späten 40er und frühen 50er Jahre schließen, mit dem Unterschied, dass der Zweite Weltkrieg einen etwas anderen Verlauf genommen haben muss. Ein Atomschlag ist denkbar, scheint doch ein Großteil der Fauna ausgerottet. Der Ursprung dieser Situation interessiert die Filmemacher nicht, ihnen geht es wohl vor allem um den Stil. Teilweise erinnert das in düsteres, grün-gelbliches Zwielicht getauchte Ambiente an die Arbeiten von Terry Gilliam, der seine Filme ähnlich zwischen vergangenen Zeiten, der Gegenwart und Fantasiewelten oszillieren lässt.
Eine der beeindruckendsten Sequenzen findet man gleich zu Beginn des Films, nachdem ein wunderbar eigenständiger Vorspann über die Leinwand flimmerte, der die Namen der an der Produktion Beteiligten liebevoll, wenn auch naheliegend, im Stile des Films in Bilder umsetzte: Der Metzger ist der uneingeschränkte Herr des Hauses und der Schwanz dieses Patriarchen gibt den Lebensrhythmus seiner Mitbewohner vor. Mit den quietschenden Federn des Schlachterbettes beim Liebesspiel beginnend, zeigen uns Caro und Jeunet alle Mieter des Hauses und einen Teil ihres Lebens, durch sorgsam aufeinander abgestimmte Alltagsgeräusche, die zusammen mit dem Cellospiel der Metzgerstochter eine kleine Symphonie ergeben, die diese Gemeinschaft in Tönen nachzeichnet.
Dabei ist der große Zusammenhang weniger wichtig, als man denken mag. Der Hauptfaden der Geschichte dient vor allem dazu, die Schicksale der Bewohner des Hauses zu erzählen. Viele kleine Welten, innerhalb einer großen. Alle unter einem Dach.
Den Regisseuren (Caro kümmerte sich größtenteils um den Look, Jeunet um die schauspielerische Seite) gelingen fantastische Einstellungen, egal, ob sie die erfolglosen (und urkomischen) Selbstmordversuche einer Stimmen hörenden Frau illustrieren oder einen verschrobenen, alten Mann besuchen, der glaubt, ein Frosch zu sein und sich durch die Aufzucht von Schnecken in seiner klammen (eher nassen) Wohnung, eine kleine Extra-Fleischbeilage genehmigt.
In "Delicatessen" gibt es keine künstlichen Grenzen und aufs Erwachsensein wird vollends gepfiffen. Die Filmemacher bewahren sich ihre kindliche Fantasie und geben dieser auch immer Raum, wenn es sie überkommt, ohne sich den starren Regeln des Geschichtenerzählens zu unterwerfen. So ziehen auch kleine magische Momente aus Zirkus und Kindheit in den Film ein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden Lausbuben des Hauses (denen eine eher kleine, aber wichtige Rolle zukommt) die Alter Egos von Caro und Jeunet darstellen.
Eine Welt in der Optik eines Albtraums, bevölkert von Kannibalen, dennoch voller Zauber und Humor. Neben gekonnten und perfekt getimeten Slapstick-Einlagen (u.a. auch wieder synchron zur Musik), überzeugen die schwarzhumorigen Dialoge und der trockene Witz, der durch die verschrobenen Handlungen der Bewohner zustande kommt.
Sowohl für Freunde des Horrors und Fans von düsteren Märchenfilmen, als auch für Anhänger des Surrealismus bietet diese französische Groteske genug Nahrung für einen gehaltvollen Filmabend. Bon appétit! 8,5/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=Tg3V8HDK5go



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02.10.2013 15:15 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Belladonna der Trauer

Japan, 1973

Inhalt laut arte.tv: "Das keusche Liebespaar Jeanne und Jean ist überglücklich miteinander und möchte den Bund fürs Leben schließen. Als der geldgierige Fürst dem mittellosen Pärchen eine horrende Hochzeitssteuer abverlangt, setzt die eigentliche Tragödie ein: Jean wird aus dem Schloss gejagt und seine jungfräuliche Frau zur Hure gemacht. Am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen, erscheint Jeanne der Teufel in Phallusform und verspricht, sie von ihrem Leid zu befreien. Von nun an sabotiert Jeanne im Auftrag des Teufels die herrschende Ordnung, schützt das Volk vor Armut und Pest und propagiert die freie Liebe."

Bis vor wenigen Jahren war die Meinung weitverbreitet, dass Trickfilme vor allem zur Unterhaltung von Kindern dienen. Die Cartoons im Frühstücksfernsehen, die großen Disney-Schnulzen und die 3D-Familiengeschichten von Pixar bis Dreamworks beherrschen auch heute noch die Vorstellung davon, wie dieses Genre auszusehen hat.
In Japan gibt es aber schon lange Zeichentrickfilme für Erwachsene, sogenannte Animes, die ab den 90er Jahren auch in Europa und den USA ihren Siegeszug antreten konnten. Ähnlich wie im Falle der Mangas wird hier zur Kunstform erhoben und durchaus anspruchsvoll für Erwachsene gestaltet, was in Europa eher belächelt wird.
Ich bin kein großer Kenner des Genres, auch meine Trickfilmsozialisation entstand größtenteils unter der Aufsicht von Walt Disney und Tex Avery. Ich unternahm ein paar kleinere Ausflüge an die Ränder, zum Beispiel mit "Der phantastische Planet" oder "Mary & Max", ja, dank dem monatlichen Informationskatalog der BPjM ist mir selbst "Fist Of The North Star" nicht fremd. Trotzdem bleibt Anime eine große Unbekannte für mich, ein Feld, das es noch zu entdecken gilt.
Regisseur Eiichi Yamamoto bedient sich für "Belladonna der Trauer" sehr frei bei der Geschichte von Jeanne d'Arc und verbindet sie mit klassischen, großen Literaturthemen ("Faust" ist nur das offensichtlichste davon) und dem Zeitgeist der frühen 70er entspringenden Aspekten wie Feminismus und politischem Widerstand gegen die alten, verkrusteten Systeme. Dies aber vor allem aus einer männlichen Sicht heraus, was der Kongruenz des Films etwas schadet. Die ambivalente Figur des Teufels lässt Jeanne manchmal nicht als eigenständig handelnde Frau erscheinen, sondern als Getriebene einer höheren Macht. Vor allem zu Beginn des Films ist dies verwirrend, im Laufe der Handlung wird ihr Märtyrertum jedoch zunehmend selbstbestimmter.
Diese Hintergrundgeschichte dient letztlich auch nur als Gerüst für die rauschhafte Umsetzung in Bild und Ton. Yamamoto verwendet Animationen eher spärlich und verlässt sich auf abgefilmte Bilder (besser: Kunstwerke), die oft sehr an die Arbeiten von Gustav Klimt erinnern - und damit auch an die vom Jugendstil beeinflussten Plakate der Psychedelia-Szene in San Francisco, Mitte bis Ende der 1960er Jahre. Viele weitere Stile und Techniken werden damit vermengt und von einem herrlichen Psychedelic Rock-Soundtrack getragen, der durch "japanische Chansons" bereichert wird, die einen Teil der Geschichte erzählen, ähnlich der Songs aus den Filmen der "Sasori"-Reihe.
Auch das Ende von "Belladonna der Trauer" (Originaltitel: "Kanishimi no Belladonna", auch als "Die Tragödie der Belladonna" bekannt) ist der Hippie- und Antikriegsbewegung, sowie den politischen Aufständen der 68er geschuldet. Anstatt sich aber auf die Gegenwart zu beziehen, verpackt der Regisseur dies geschickt in einen auch von konservativen Zuschauern geschätzten Teil der Geschichte: Die Beseelung des Volkes durch Jeanne (nicht d'Arc!), die in der Französischen Revolution endet.
"Belladonna der Trauer" ist ein hochstilisierter, dionysischer Zeichentrickfilm für Erwachsene, der sich über Jahrhunderte hinweg mit (immer noch) aktuellen Themen beschäftigt. Von Rausch und Revolution, von Historie und Hysterie. Fabelhaft. 8/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=WWoaeSlAvxs



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14.10.2013 14:35 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Attenberg

Griechenland, 2010

Inhalt laut filmreporter.de: "Die 23-jährige Marina (Ariane Labed) hat noch keine Erfahrung mit ihrer Sexualität gemacht. Stattdessen bezieht sie ihre Informationen über Verhaltensweisen und der Sexualität aus Tierdokumentationen von Sir David Attenborough. Folglich ist die Welt der Affen für Marina plausibler, als die der Menschen.
Ihre einzigen Bezugspersonen sind ihr krebskranker Vater und Freundin Bella (Evangelia Randou). Diese hat sich das Ziel gesetzt, Marina aufzuklären. Aus diesem Grund übt sie den Zungenkuss mit ihr und erzählt ihr von ihren körperlichen Erfahrungen mit Männern. Marina findet bald Gefallen an der Thematik. Dies verstärkt sich, als ein Fremder in die Stadt kommt, der eindeutige Signale in ihre Richtung sendet."

Nach "Dogtooth" ist "Attenberg" meine zweite Begegnung mit dem neuen griechischen Film. An beiden Werken ist Giorgos Lanthimos beteiligt, beim ersteren als Regisseur, bei diesem hier als Darsteller.
Regisseurin Athina Rachel Tsangari bedient sich gewollt spröder, statischer und schmuckloser Bilder, die das Dasein von Marina (Leben kann man dieses Vegetieren in Theorie und Warteschleife kaum nennen) nüchtern und sachlich umrahmen, wie die eher hässlichen Bauten ihres todkranken Vaters (einem Architekten, der sich mittlerweile für sein Lebenswerk schämt) das kleine Örtchen auf einer griechischen Insel einrahmen. Er verantwortet die bauliche Umsetzung einer übereilten Industrialisierung, die das ursprüngliche Griechenland unter Betonschrott begraben hat. Er hat keine Freunde, keine Frau, er hat keine Lust am Leben und nichts als zynische Verachtung für das Sterben und den Tod übrig. Einzig seine Tochter, mit der er eine Vorliebe für die Tierdokumentationen von Sir David Attenborough teilt, reißt ihn aus seiner Lethargie, besser gesagt: das künftige Leben seiner Tochter (ohne ihn), denn Marina erscheint emotionslos und asexuell. Sie ist in etwa so sehr am Leben interessiert wie ihr Vater. Trotzdem schafft es ihre beste Freundin Bella die Neugier von Marina zu wecken und einen kleinen Funken des Interesses in ihr zu entzünden.
Diesen kalten und eher humorlosen Hintergrund des Films unterbricht Tsangari hin und wieder durch kleine, tänzerische Einlagen, die wie Zäsuren wirken und den Film in mehrere Abschnitte unterteilen. Die grotesken Bewegungen dazu scheint man sich im "Ministry of Silly Walks" von John Cleese ausgedacht zu haben.
Eine ähnliche Aufmerksamkeit zieht auch die musikalische Gestaltung von "Attenberg" auf sich. So ist der Einsatz von "Ghost Rider" der Band Suicide nach dem züngelnden Prolog gewagt, unterlegt dieser Track doch Bilder, die man nicht unbedingt mit einem Song vom ersten, dunkel-fieberigen Album dieser Band verbinden würde. Auch später tauchen weitere Tracks von Suicide auf, die immer leicht deplatziert wirken. Man kann den Tanz am Totenbett des Vaters zu "Be Bop Kid" rührend oder einfach nur grotesk finden - fest steht, dass Marina es geschafft hat, sich aus ihrem Panzer zu lösen. Aus der eher unbeholfen wirkenden jungen Frau, die ihre ersten sexuellen Erfahrungen durch einen Dokumentarkommentar (wie sie ihn bei Attenborough viele Male gesehen hat) versaut, wird eine Erwachsene, die Tabus (wie den Sex mit Sterbenden oder eine familiäre, elektrale Annäherung) durchaus für sich und ihr Seelenleben zu nutzen weiß.
Interessant ist auch die Perspektive auf Sexualität, die in westlichen Gesellschaften einmal in einer klinisch-sauberen, wissenschaftlichen Art gelehrt wird und trotzdem mit einer Vielzahl an dämlichen Regeln und Erwartungen aufgeladen ist. Man nehme nur den pseudoromantischen Gedanken, dass Sexualität etwas Kostbares sei, das man erst wie ein zartes Pflänzchen schützen und dann sparsam verwenden müsse. Sexualität ist nicht die Trinkwasserreserve des Sudans. Sex ist Rumlecken, Reinstecken und den "Kolben" arbeiten lassen, an dessen Ende dieses Geschöpf namens Mann hängt. Ich behaupte nicht, dass dies eine der Regisseurin genehme Interpretation ihrer Arbeit ist, es sind aber Gedanken, die "Attenberg" in mir heraufbeschworen hat.
Auch mit dem Tod und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten setzt sich Marina auseinander. Zuerst ähnlich angewidert wie durch die Sexualität, sieht sie sich in diesem Feld ebenfalls mit Sinnlosem und dämlichen Ritualen konfrontiert, nur noch getoppt, durch die oberflächliche und empathielose Art der Menschen damit umzugehen.
Der Ernst des Lebens, den man ihr als Spaß verkaufen wollte, hat begonnen. Die wilden Tollereien im Bett ihres Vaters, das Tierspielen und Tiersein sind vorbei. Und Marina kann damit umgehen. 7/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=jhvkD7z6jnU



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Das Gespenst

Deutschland, 1983

Inhalt laut ofdb.de: "Eine Christusfigur in einem Kloster wird lebendig, steigt vom Kreuz und geht über Wasser. Danach wandert sie zusammen mit einer Äbtyssin, die sich in sie verliebt, durch ein fremdes, heutiges Bayern. Christus selbst erinnert sich dabei nicht mehr an sein vorheriges Leben und philosophiert über die unterschiedlichsten Themen. Auf seinem Weg kommt er mit unterschiedlichen Personen in Konflikt..."

Ein Gespenst geht um in Bayern - das Gespenst des Jesus Christus. Die christliche Fantasiefigur des Zimmermanns aus Nazareth spukt auch heute noch in den Köpfen vieler Menschen, besser gesagt ein weiteres Abbild davon. In Herbert Achternbuschs zum Skandal gemachten Film tritt dann auch nicht Jesus Christus auf, sondern der 42. Lattenjupp eines bayerischen Klosters, eine der vielen launischen Holzschnitzereien mit Dornenkrone aus diesem Nonnenbunker.
Fortan wandelt er durch das südlichste der deutschen Bundesländer, verwirrt von den Gebräuchen der Einheimischen und der Vergangenheit, die sie ihm andichten. Er begreift weder das Konzept der Sexualität zwischen Frau und Mann, noch kann er sich mit kannibalistischem Unfug wie dem Abendmahl abfinden.
Zuerst gibt man ihm eine Anstellung im Kloster - als "Ober". Tatsächlich schenkt die verkrüppelte Christusfigur (kaputte Hände, kaputte Füße, stets ausgestreckte Arme, juckende Narben) Schnaps in der klostereigenen Kneipe aus. Frequentiert wird dieses Lokal meistens durch die herrschende Ordnungsmacht (ob nun römische Legionäre oder bayerische Polizisten), die sich durch ihren Stumpfsinn und ihren Alkoholismus auszeichnet. Das selbstoffenbarende Gebrabbel der Bajuvarencops Poli und Zisti (big grin ) führt zur ersten Aufgabe des Heilandabbilds in der neuen Welt: Er macht sich auf, um "Scheiße für die Polizei" aufzutreiben. Fündig wird er schließlich auf der Wache, wo seine Freunde und Helfer unter großen Mühen, aber leider vergebens, versuchen in die Schnapsgläser zu scheißen. Wieder legen sie dabei ihren Untertanencharakter offen, der sie einerseits als einfallslose Befehlsempfänger zeigt, andererseits als stets bemüht etwas Gutes zu tun. Das Bild eines braven Christenmenschen, aber auch treffende und respektlose Kritik an der Polizei.
Regisseur Herbert Achternbusch filmt dies in klaren Schwarzweißbildern, die durchaus eigentümlich sind, aber nie so sehr die Oberhand gewinnen, dass sie die vielen Wortspiele und den oft doppeldeutigen Kontext der Dia- und Monologe erdrücken würden. Kleinere Fehler seiner Darsteller ließ er im fertigen Film, vieles erinnert an Theater. Das gesprochene Wort, ja, auch die Gleichnisse sind das Zentrum des Films, wenn es auch ein paar bemerkenswerte visuelle Einfälle gibt, etwa die Froschkreuzigung, die an den ähnlich religionskritischen Film "The Holy Mountain" von Alejandro Jodorowsky erinnert.
Achternbuschs Intention liegt nicht so sehr darin, Jesus Christus zu einer Witzfigur abzustempeln oder das Christentum all seiner Lächerlichkeit preiszugeben, sondern die Gläubigen vorzuführen, die einem Kult anhängen, der aus idiotischen, verbohrten und erstarrten Regeln und Geboten besteht, die größtenteils als Folklore und Tralala gepflegt werden, aber trotzdem einen großen und erdrückenden Einfluss auf das Leben der Menschen haben. Auch dies zeigt er nicht als die Schuld Jesus Christus, sondern die seiner dämlichen Jünger und Nachfolger auf Erden, in einem pointierten Wortgefecht in der Kneipe zwischen Oberin und "Ober".
Grund genug, dass ein deutschnationaler und klerikalfaschistischer Dummkopf wie Friedrich Zimmermann (damals Bundesinnenminister der CSU) die Filmförderung für "Das Gespenst" streichen wollte und die groteske Satire als "widerwärtig, blasphemisch und säuisch" bezeichnete. Daraufhin wurde dem Film in Deutschland eine Freigabe durch die FSK verweigert (ein kommerzielles Todesurteil). Dies konnte aber nicht aufrechterhalten werden und so wurde der Film erst mit einer FSK 18, später mit einer FSK 12 bedacht. "Das Gespenst" ist in Österreich bis heute wegen Blasphemie verboten.
Herbert Achternbusch geht ähnlich anarchisch wie die 1983 gerade stark abebbende und verschwindende Punkbewegung vor, ohne jedoch deren Duktus zu verfallen. Er zelebriert ein wortverliebtes, hintergründiges Spektakel, das die Anhänger des Christentums von vielen Seiten beleuchtet und sie als armselige Kreaturen bedauert.
Nie zynisch, dafür pointiert humorvoll, durchwandert er die "Wachstumsstadien" der Gläubigen vom einfachen Getauften bis hin zum Bischof; immer darauf bedacht, den Unsinn der gesamten Veranstaltung einzufangen. Ein Heidenspaß. "Ich brauche Scheiße. Scheiße bitte. Gebt mir Scheiße für die Polizei." 8/10

Trailer: -



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Pusher

Großbritannien, 2012

Inhalt laut ofdb.de: "Frank (Richard Coyle) ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben als Drogendealer, der mit Pillenverkäufen seinen Lebensunterhalt sichert. Doch dann beginnt die schlimmste Woche seines Lebens, als er sich Geld von dem Drogenboss Milo (Zlatko Buric) leiht, um einen großen Deal durchzuziehen. Alles geht jedoch schief und auf der Flucht vor der Polizei muß Frank seine Ware in den Fluß werfen - was ihm Milo jedoch trotzdem mit kleiner Rückzahlungsfrist in Rechnung stellt. Zusätzlich schickt er auch noch seinen brutalen Hitman Hakan (Mem Ferda) los, um Frank Beine zu machen, der von nun an hektisch auf der Flucht durch das nächtliche London ist, um die Summe von 55.000 Pfund locker zu machen...oder in Kürze seiner Ware zu folgen..."

Ein weiteres Remake, das keiner gebraucht und auch niemand verlangt hat, in Szene gesetzt von Luis Prieto, produziert von Nicolas Winding Refn. Warum tut der Mann das? Es gab am Original kaum etwas, das man verbessern konnte. Im Remake ersetzt man dafür Kim Bodnia durch Richard Coyle und kleistert die Videoclip-Bilderflut mit widerlich abgestandener Electro- und Clubmucke zu. Wo Refn Charaktere in einem kriminellen Milieu zeigt, bastelt sich Prieto Comicfiguren, die er in die abgestandene Pappkulisse des Gangsterfilms stellt. Gummikotze aus der Mikrowelle.
Auch wenn sich "Pusher" sklavisch an die Vorlage hält, ist das Remake nur ein bedauernswerter Film für die hinteren Reihen der Dorfvideothek. Einziger Lichtblick: Zlatko Buric als Milo. 4/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=ULIZD0tzNe4



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30.10.2013 13:21 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Benny's Video

Österreich/Schweiz, 1992

Inhalt laut ofdb.de: "Der 13-jährige Gymnasiast Benny lebt in einer in sich abgeschlossenen High-Tech-Wohlstandswelt. Sein Alltag wird bestimmt von Action- und Gewaltfilmen, Videospielen und Musik. Mit einem Bolzenschußgerät zum Schlachten von Schweinen tötet er in seinem Zimmer ein gleichaltriges Mädchen, während die Videokamera mitläuft. Der Beobachter schwankt bei der Einordnung der Motivation im Verlauf der Tat zwischen Fahrlässigkeit, Mutwillen und Neugier. Mit einem gewissen Grauen beobachtet man wie Benny scheinbar regungslos die Spuren beseitigt. Als er schließlich seinen Eltern das Video vorspielt, werden diese zu seinen Verbündeten bei der Entsorgung des Leichnams. Doch die reibungslose Rückkehr zur Tagesordnung mißlingt, als Benny alles der Polizei erzählt."

Die kritische Distanz von Michael Haneke zur Gewalt im Unterhaltungsfilm ist bekannt und ein wiederkehrendes Motiv in seinen Arbeiten. Er lehnt Mord und Totschlag als Spektakel ab und zeigt sich fast schon angewidert von der Art des Umgangs, die Hollywood und die daran angeschlossene Filmlandschaft damit pflegen. Wenn man ihm mit Scheinargumenten wie "Realität" und dem "Lauf der Welt" kommt, weist er darauf hin, dass "im Thriller keine Kinder und Tiere sterben", das Ganze also eine hochgradige Heuchelei ist.
In "Benny's Video" stirbt nicht nur ein Kind, in "Benny's Video" tötet ein Kind ein anderes Kind.
Zuvor erfahren wir aber von den Zauberkräften des Films, die Gewalt, Tod und Sterben zu einer vollkommen gleichgültigen Veranstaltung machen können: Die Videoaufzeichnung der Tötung eines Schweins mit einem Bolzenschussgerät. Beliebig vor- und rückspielbar, in Bild und Ton manipulierbar. Der Tod des Schweins, der Tod des Schweins in Zeitlupe, die Auferstehung des Schweins, das Schwein im Leben, der Bolzenschuss, der Tod des Schweins. Um diese grausigen Bilder und Töne herum, die Gesichter der Bildungsbürgerfamilie im Urlaub. Zur Ruhe kommen, zu den Wurzeln zurückkehren, den Intellekt mal ablegen, Schweine schlachten auf dem Bauernhof.
Während Benny (gespielt von Arno Frisch, der diese Rolle quasi später in "Funny Games" weiterführen wird) in einem von Bildschirmen und Rekordern, Bild- und Tonreproduktionsgeräten vollgestopftem High Tech-Kämmerlein haust, teilen sich seine verknöcherten Eltern ein Museum als Wohnung. An den Wänden hängen Nachbildungen der alten Meister, Angestaubt-Wissenschaftliches - und tote Tiere. Hier gibt es keine Rückkehr ins Leben, hier ist alles gestorben und schon lange tot. Keine Rückspultaste, die die Situation ändern könnte.
Benny kapselt sich in seiner eigenen Welt ab und versucht die stille, verkrampfte Nüchternheit durch Horrorvideos (man erkennt einen Ausschnitt aus "Toxic Avenger"), laute Heavy Metal-Musik, Comics, Privatfernsehen und sogar Nachrichten über die Kriegsgräuel in Ex-Jugoslawien zu überwinden. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde Michael Haneke diese Medien für die folgende Tötung verantwortlich machen. Ich schätze aber, dass Haneke viel zu intelligent ist, um auf eine solche "Kritik" reinzufallen, der sich vor allem die Barbaren des Jugendschutzes und die Ritter der Christlichkeit bedienen. Die Apologeten des Mainstreams, in deren bevorzugten Werken Gewalt keinen Platz mehr hat, es sei denn, es wird gesittet gestorben, es tut niemandem weh und man hinterlässt eine schöne Leiche. Am besten natürlich für Religion, Nation oder die Angebetete.
Die eigentliche Tat, die ein provozierter Unfall ist, mag dem Schweinevideo ähneln, ist in meinen Augen aber eher ein MacGuffin, der Kind und Eltern zwingt zusammen kommunizieren und funktionieren zu müssen, wo man vorher nur nebeneinander hergelebt hat. Die Tat ist egal, das getötete Mädchen ist vollkommen egal. Die Familie verschwendet nicht einen Gedanken an Schuld oder Reue, sondern nur daran, wie sie der Strafe und Sühne entkommen kann. Angetrieben vom Vater, der dies vor allem als ein Imageproblem für die Zukunft ansieht.
Bildungsbürgerlich nüchtern eruiert man die Zerstückelung und Beseitigung der Leiche, ersinnt einen Fluchtplan und die passende Geschichte dazu. Dabei stößt man immer wieder an Grenzen; meist Ratlosigkeit, die sich um bestimmte Sachverhalte dreht, bei der Mutter aber auch an nervliche Grenzen.
Während einer mehrtägigen Urlaubsreise durch Ägypten, die die Zeit vertreiben soll, bis sich die Wogen in der Heimat geglättet haben, erleidet Bennys Mutter dann auch einen Nervenzusammenbruch, der sich in einem Heulkrampf äußert.
Die Museumsstille und -hülle ist durchbrochen. Der Vater von seinem hohen Ross der Unbesiegbarkeit gestoßen, die Mutter zu Gefühlen gezwungen. Ob Benny dies als Triumph empfindet, ist schwer zu sagen. Es macht die Familie auf jeden Fall "interessanter".
Damit würde auch das Ende Sinn ergeben: Als Benny und seine Mutter von der Ägyptenreise zurückkommen, hat der Vater alles erledigt. Die Leiche ist beseitigt, die Polizei schöpft keinen Verdacht. Es sieht ganz danach aus, als könne alles wieder so wie vorher werden. Dazu hat Benny aber keine Lust: Er zeigt sich selbst und seine Eltern an. Eine Rückkehr in das stumpfe Leben scheint ihm ein Graus zu sein, er sucht die Sensation, auch um den Preis der eigenen Verletzbarkeit. 8/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=62w0j7-d4ms



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Richtig gute Serie.


Inhalt lt. Serienjunkies.de (Auszug): "In der Serie „Dexter“ geht es um Dexter Morgan, einen Forensiker mit dem Fachgebiet Blutspritzeranalyse der Polizei von Miami, der Nachts als Nebenbeschäftigung durch Miami streift und als Serienkiller schuldige Verbrecher aus dem Verkehr zieht."

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Und da ist mir doch glatt aufgefallen, dass die Produzenten einfach ein Beatsample aus "Ölsardinenindustrie" für die Serie übernommen haben. ;)

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Woher stammt das Sample denn?

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12.11.2013 20:22 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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(Danger) Dan/-iel (Licht)
http://www.youtube.com/watch?v=DTdmi5D2gSI

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Der Vorspann von Dexter ist auch richtig gut umgesetzt.

http://vimeo.com/m/5846864

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Chillerama

USA, 2011

Inhalt laut amazon.de: "Menschenfressende Killerspermien, schwule Werwölfe, sexbesessene Zombies und ein Frankenstein-Monster von Hitler persönlich geschaffen, das sich als Jude herausstellt. Chillerama ist die ultimative Hommage an das Grindhouse-Kino. Als sich ein paar Freunde in einem Autokino treffen um einen Horrorfilm-Marathon zu sehen, ahnen sie nicht, dass sich direkt unter den Gästen eine Zombie-Epidemie ausbreitet, die in einem ultimativen Massaker endet…"

Die Horror-Fanboys Adam Green ("Hatchet"), Joe Lynch ("Wrong Turn 2"), Tim Sullivan ("2001 Maniacs") und Adam Rifkin ("Detroit Rock City") tauchen mit "Chillerama" in die Vergangenheit des Science Fiction- und Horrortrashs ab und legen eine zitatreiche Anthologie vor, die ihren visuellen Stil aus den Vorbildern der Filme der 50er, 60er und 70er Jahre bezieht, aber auch deutliche Anleihen bei den Heftchen von E.C. Comics macht.
"Chillerama" ist ein ständiges Zitieren, und wenn nicht gerade ein offenkundiges Zitat, dann eine heftige Parodie. Dies wird im Finale auf die Spitze getrieben, wenn Richard Riehle (in seiner Rolle als Cecil Kaufman, die auf die Produzenten und Regisseure Cecil B. DeMille und Lloyd Kaufman verweist) sich schwer bewaffnet durch kopulierende Zombiemassen kämpft und dabei populäre Einzeiler aus allen erdenklichen Filmen aufsagt. Von "Citizen Kane" bis "Scarface" ist alles vertreten, was einen Namen und - wichtiger - Kultstatus hat.
Der erste Beitrag, der an diesem denkwürdigen Abend im Autokino läuft, ist "Wadzilla". Man kann schon vom Titel darauf schließen, was hier parodiert wird und sich vorstellen, wie das Ganze aussieht. Putziger 50er Jahre-SciFi-Trash mit einem Riesenspermium, das New York bedroht. (Eigentlich kein schlechter Gedanke. Wenn Japan sich durch die Atombombe bedroht fühlt und daraufhin Godzilla schafft, darf die prüde US-Gesellschaft der 50er sich richtigerweise vor Sex und Schwangerschaft fürchten. Ein Wink mit dem Zaun, statt mit dem Zaunpfahl, wäre ein kommunistisches Spermium gewesen.)
Weiter geht's mit "I Was A Teenage Werebear", der schwächsten Episode von "Chillerama", die aus der Idee entstand, wie es wohl wirken würde, wenn sich ein schmaler Jüngling in Ron Jeremy verwandelt. Also haben wir hier schwule Werbären ("bear" bezeichnet im schwulen Jargon einen kräftigen, behaarten, älteren Mann), die an einem Surferboy-College der frühen 1960er in Kalifornien ihr Unwesen treiben - inkl. der unvermeidlichen Songs, inspiriert von Vor- und Grundlagen wie "Westside Story" und "Grease".
Zwischendurch entwickelt sich die Zombieinvasion im Autokino, die die anderen Teile der Geschichte "zusammenhält". Deren Protagonisten sind filmerfahrene Kids, die sich im Zitateraten und Schauspielerverlinken üben.
Der Titel der folgenden Episode trieb mich dazu die DVD zu kaufen und den Film sehen zu wollen: "The Diary of Anne Frankenstein". Im Bonusmaterial erfährt man, dass der Titel zuerst da war und man die Story um ihn herumschrieb.
Leider wird das Potential nicht ausgeschöpft und so erhält man eine mal mehr, mal weniger amüsante Nazi-Klamotte, die sich stilistisch leicht an den expressionistischen Meisterwerken des deutschen Films orientiert und natürlich auch ausgiebig "Frankenstein" parodiert. Hitler darf singen, wird aber abgewürgt (und setzt seinen Song im Abspann fort). Das jüdische Monster (gespielt von Kane Hodder) tötet per Dreidel. Die Nazis sprechen im O-Ton perfektes Deutsch, nur Hitler bedient sich der Fantasiesprache, die sich Charlie Chaplin für seinen Film "Der große Diktator" ausgedacht hatte. (Hin und wieder kann man auch bei ihm einen "geraden" Satz erkennen: "Ich habe Würmer in meinem Schwanz.")
Das Finale steigt wieder zwischen den Besuchern des Autokinos und erhöht das Sex und Gewalt-Level noch einmal drastisch: Abgebissene Penisse und Sex mit abgetrennten Extremitäten dürfen natürlich nicht fehlen.
Zugegeben: Viel Fäkalhumor (Erwähnte ich bereits "Deathication"? Lautmalerei, Überraschung!) und flache Sexwitzchen machen "Chillerama" aus; kurioserweise fallen diese aber nicht so sehr ins Gewicht, wie sie das für gewöhnlich tun sollten.
Es bleibt eine knallbunte Wundertüte voller Plastikspielzeug, die jeden unterhalten dürfte, der mit (gewolltem) Trash dieser Art etwas anfangen kann. 6/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=pGUCX53u90I



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20.11.2013 16:07 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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The Honeymoon Killers

USA, 1969

Inhalt laut amazon.de: "Martha Beck ist eine linkische, übergewichtige und verzweifelt einsame Krankenschwester. In ihrem Verlangen nach Zuneigung tritt sie dem Aunt Carrie's Friendship Club bei. Auf diese Weise lernt sie Ray Fernandez kennen, einen wortgewandten, charismatischen Gigolo, der Marthas Mann ihrer Träume sein könnte - oder vielleicht nur ein skrupelloser Schwindler, der sie in einen Strudel reißt, der in Verbrechen und Mord mündet."

Wenn man Shirley Stoler in ihrer Rolle als Martha Beck auf der Leinwand sieht, kann man sich vorstellen, dass die Geschichte darüber, wie sie die Rolle bekam, stimmen könnte: Man gab sie ihr, weil sich niemand traute Stoler eine Absage zu erteilen. Sie verkörpert eine finstere Frau, deren emotionsloses Handeln nicht mit dem Idealbild einer Krankenschwester übereinstimmt, die ihren eisigen Kältepanzer aber aus all den Kränkungen zusammengesetzt hat, die sie über die Jahre als übergewichtige Frau ertragen musste, ganz zu schweigen von der stets als Selbstverständlichkeit vorausgesetzten Pflichterfüllung, mit welcher sie sich um ihre Mutter und das Krankenhaus kümmerte.
Das seltsame Liebespaar, bestehend aus Stationsleiterin Martha und Gigolo Ray (hervorragend dargestellt von Tony Lo Bianco), das sich über einen Briefkontakt durch einen Lonely Hearts Club kennenlernt, spornt sich gegenseitig zu immer neuen Taten an, die mit der Zeit wesentlich drastischer werden. Während der Zuschauer rätselt, was die beiden aneinander finden, kann man ihre Zuneigung und Liebe nicht von der Hand weisen. Etwas Besonderes verbindet Martha und Ray.
Der Film, geschrieben von Opernkomponist Leonard Kastle, beruht auf einer wahren Begebenheit. In den 1940er Jahren zogen Raymond Fernandez und Martha Beck durch die USA und töteten wahrscheinlich 20 Menschen - immer nach dem gleichen Muster: Er schmierte den Damen Honig um den Mund, schwärmte von einer Hochzeit. Gemeinsam erleichterten sie die alleinstehenden Frauen dann um ihr Vermögen. Später folgte die Ermordung der Opfer. Die Mordepisoden sind nicht ganz so explizit gestaltet, wie sie in vielen Filmen der folgenden Exploitationswelle auftreten sollten, aber schaurig genug, um im Gedächtnis des Zuschauers zu bleiben. Ganz besonders der aufgesetzte Kopfschuss zum Ende des Films ist eindrucksvoll inszeniert - und das ganz ohne Blutvergießen.
Dies alles erscheint in nüchternen Schwarz-Weiß-Bildern auf der Leinwand. Kastle erzählt die Geschichte chronologisch und unaufgeregt, lässt aber genügend Raum, um seine Hauptfiguren und deren Charaktereigenschaften und Motive beobachten und darstellen zu können, sowie hin und wieder einen satirischen Blick auf den spießigen US-amerikanischen Lebenswandel der damaligen Zeit zu werfen. Kastle verkneift sich nicht den Spott über das Gewese um Präsidentengeburtstage, den Abgott Geld, sowie die selbsterrichteten Gefängnisse der Bürgerlichkeit, die man heute unter "suburbs" subsumiert.
Ein weiterer interessanter Fakt ist die Tatsache, dass eigentlich Martin Scorsese bei "The Honeymoon Killers" Regie führen sollte, aber nach nur wenigen Szenen und vielen Differenzen ziemlich am Anfang des Projekts gefeuert wurde. Daraufhin übernahm Leonard Kastle selbst die Regie. Sein Leinwanddebüt sollte gleichzeitig sein letzter Kinofilm bleiben. Das ist schade, denn seine schroffen Szenen in Schwarz und Weiß, die er mit Auszügen aus den Stücken von Gustav Mahler unterlegt, stellen eine beunruhigend zwielichtige Version des amerikanischen Traums dar. Statt vom Tellerwäscher zum Millionär, von der Krankenschwester zur abgebrühten Mörderin in wenigen Jahren.
Man könnte sogar mit einem Happy End für Martha und Ray rechnen, würde nicht Marthas krankhafte Eifersucht immer wieder zu Situationen eskalieren, die heikel sind und sowohl das finanzielle, als auch das emotionale Wohlergehen des Paares belasten. Dies führt bis zur Verhaftung, ins Gefängnis und schließlich auf den elektrischen Stuhl.
Der echte Raymond, die echte Martha, die echten "Honeymoon Killers" fanden 1951 ihr Ende in Sing-Sing. Sie gestanden zwölf Morde und plädierten auf Unzurechnungsfähigkeit. Die Geschworenen kannten keine Gnade und verurteilten sie zum Tode.
Nachdem der Film in den 70er und 80er Jahren unbeachtet blieb, obwohl Francois Truffaut ihn gar als seinen "liebsten amerikanischen Film" betitelte, erfolgte Anfang der 90er ein kleines Revival, das 2006 in einem Remake von Todd Robinson gipfelte, der die Hauptrollen mit Jared Leto und Salma Hayek besetzte - und damit bestätigte, dass er weder Kastles Film verstanden, noch einen aufmerksamen und aufrichtigen Zugang zu den Taten des echten Killer-Pärchens hatte. 7/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=7DiBM2Hlh0E



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25.11.2013 15:38 Bella Ciao ist offline E-Mail an Bella Ciao senden Beiträge von Bella Ciao suchen Nehmen Sie Bella Ciao in Ihre Freundesliste auf
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Breaking Bad (Season 1)

USA, 2008

Inhalt laut amazon.de: "Walter White ist ein vom Pech verfolgter Chemielehrer, der verzweifelt versucht, seine Frau (Anna Gunn) und seinen körperlich behinderten Sohn (RJ Mitte) durchzubringen. Sein Leben nimmt eine grundlegende Wendung, als Walter eine erschreckende Diagnose gestellt wird: Lungenkrebs im Endstadium. Da er ohnehin nur noch ein paar Jahre zu leben und nichts zu verlieren hat, nutzt Walter seine Fähigkeiten als Chemiker, um gemeinsam mit einem seiner ehemaligen Schüler (Aaron Paul) Methamphetamin herzustellen und zu verkaufen. Zwar wächst das Lügengespinst, das er aufgebaut hat, proportional zu seinem neuen Status, doch Walter ist zu allem bereit, um sicherzustellen, dass seine Familie nach seinem Ableben versorgt ist - und wenn er dazu ihrer aller Leben riskieren muss."

Der große Erfolg von "Breaking Bad" mag nicht abzusehen gewesen sein, die Sterne standen aber ganz offensichtlich günstig: Die Erstausstrahlung fiel mitten in die Wirtschafts-/Bankenkrise, die die Mittelschicht in ihrem Selbstverständnis erschütterte. War der Kapitalismus westlicher Prägung im Demokratiemäntelchen bis dahin ein unantastbares System, ja, das beste System der Welt (mit kleinen Einschränkungen, wie manche behaupten), so dachte man nun über dessen Abschaffung oder zumindest über Alternativen nach.
Da kommt die Story um einen farb- und freudlosen Alltagsmenschen, der bedingt durch seine Krebserkrankung aus seinem bürgerlichen Knast ausbricht, gerade recht. Der "average Joe" lässt sich ein paar Eier wachsen und nimmt sein Leben selbst in die Hand, abseits von "9 to 5", Kirche, Gemeinde, Familie und Nachbarschaft.
Hauptfigur Walter White, gespielt von Bryan Cranston ("Malcolm In The Middle", "Drive"), verschwendet aber keine Sekunde an weltverbesserische Utopien, sondern treibt lieber den Kapitalismus auf die Spitze. Er steigt ins Drogengeschäft ein und nutzt sein Chemiewissen, um qualitativ hochwertiges Crystal Meth zu kochen. Dabei schreckt er weder vor Totschlag, noch vor dem Zerstückeln der Leichen zurück. Walt ringt zwar mit seinem Gewissen, entschiedet sich schlussendlich aber immer für den Profit, für die vielen grünen Dollarscheine.
Dabei unterstützt ihn Jesse, ein "school dropout" und ehemaliger Schüler von Walt, der als Kleinkrimineller die Kontakte ins Milieu und zu den Kunden, den "meth fiends", herstellt. Zusammen ergeben die beiden ein ulkiges Paar, die beide wenig Verständnis für den Lebensentwurf des anderen aufbringen.
Auch der Chemie (ha!) zwischen Walt und Jesse ist es geschuldet, dass die sehr ernste und dunkle Geschichte mit viel Humor durchsetzt ist. Laut dem Schöpfer der Serie, Vince Gilligan (einem früheren "Akte X"-Autoren), ist dies kein Zugeständnis an den Sender AMC, um die Kanten zu glätten, sondern integraler Bestandteil von "Breaking Bad". Und er funktioniert hervorragend.
Leider sind viele Einstellungen der ersten Staffel etwas konventionell gefilmt, in diesen merkt man "Breaking Bad" die TV-Herkunft noch deutlich an. Hier kann man Verbesserungen ein- oder durchsetzen, wenn man an künftigen Staffeln noch etwas ändern will, denn das Drehbuch ist großartig, der Cast spielt brilliant und die Musikauswahl ist ebenso passend.
Auch in Deutschland träumt Friedrich Kraut davon nach Westen zu gehen, sich dem Stumpfsinn des genormten Lebens zu entziehen und in völligem Eigennutz der Gesellschaft mit ihren eigenen kapitalistischen Waffen heimzuzahlen, was sie in Friedrichs Leben angerichtet hat. Der vorgeschobene Grund etwas für die Familie zu tun, bröckelt in "Breaking Bad" schnell: Walt entflammt für den Nervenkitzel des Kriminellen.
Wenn ich nun noch die Assoziation zu Jimmy Valmer aus dem Kopf kriege, wenn Walter Jr. den Bildschirm betritt, bin ich glücklich. 8,5/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=pSxpF5M0KTg



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bezahlt ill dir eigentlich deinen film blog?

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Russ Meyer's Vixen

USA, 1968

Inhalt laut ofdb.de: "Die sinnliche, attraktive Vixen Palmer (Erica Gavin) lebt mit ihrem Ehemann Tom, einem Piloten, und ihrem Bruder Judd, einem mit Hakenkreuzen und Nazisymbolen ausstaffierten Biker, in der Wildnis Nordwestkanadas. Sie betreibt dort weitab jeder Zivilisation eine Freizeit-Anlage für betuchte Touristen, die ihr Mann regelmäßig aus den USA einfliegt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit betrügt sie ihn mit ihrem eigenen Bruder und einem Sergeant der lokalen RCMP-Station, ist aber auch nicht abgeneigt, sich mit dem einen oder der anderen ihrer Hausgäste einzulassen. Schwarze kommen für Vixen, die ihre rassistische Gesinnung ganz offen zur Schau trägt, nicht in Frage. Auf einem Flug nach San Francisco hijacken ein flüchtiger kommunistischer IRA-Mann und ein schwarzer Amerikaner, der sich dem Kriegsdienst in Vietnam entzogen hat, Vixens und Toms Flugzeug. Sie drohen Tom zu erschießen, sollte Vixen, die auch den Pilotenschein hat, sie nicht nach Kuba fliegen. Der Schwarze kocht vor Zorn über die rassistischen Beleidigungenen, die er sich von Vixen hatte anhören müssen. Die Situation eskaliert..."

Russ Meyers Filme beinhalten immer einen gewissen verschrobenen Humor und große Brüste. Auch "Vixen!" (Originaltitel) ist da keine Ausnahme und vermischt Softcore-Szenen mit dicken Titten und kauziger Gesellschaftskritik, die Rassismus, Kommunismus, den Vietnamkrieg und die Segregation in den USA streift. (Dem deutschen Verleih, der auch für den dämlichen Titel "Ohne Gnade - Schätzchen" verantwortlich zeichnet - sicher ein Versuch sich an den Erfolg von "Zur Sache, Schätzchen" mit Uschi Glas zu hängen - war dies wohl zu heiß und er "entschärfte" die Dialoge der deutschen Synchronisation in dieser Hinsicht.)
Zu keiner Zeit ernstzunehmen, aber durchaus schön fotografiert und montiert, kann man sich an formvollendeten, vollbusigen Frauen erfreuen, die wahllos durch die Betten tollen, sich in der Natur ausziehen oder seltsame Fischtänze aufführen. Bemerkenswert auch die Anzahl an Metaphern für Geschlechtsverkehr, welche sich aus Technik und Werkzeug ergeben, die Russ Meyer während der 70-minütigen Laufzeit in oftmals schrägen Kamerawinkeln einfängt.
Die Sexszenen sind dem Ursprungsland und dem Entstehungsjahr entsprechend eher zahm, der freizügige Höhepunkt dürfte die Inzest-Szene unter der Dusche sein. Trotzdem war "Vixen!" der erste Film, der in den USA mit einem X-Rating bedacht wurde.
Ob man Russ Meyer nun mag oder nicht, muss man schon selbst rausfinden, eine kurze Bewertung kann nie die spezielle Atmosphäre wiedergeben, die seine Filme ausmacht. "Vixen!" ist noch keine Großtat, er verweist aber auf die höchst vergnüglichen Arbeiten, die da noch kommen werden. 6,5/10

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=5W1p3jIrPow



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Interessante Thematik, aber von der Umsetzung ist es mir zu 0815-Hollywood-Actionfilmmäßig.

Inhalt lt. ofdb.de: "John´s (Dwayne "The Rock" Johnson) Sohn Jason (Rafi Gavron) lässt sich durch Leichtsinn von seinem Freund Greg davon überreden, für kurze Zeit Drogen bei sich zu lagern. Widerwillig sagt er zu. Doch als der Postbote vor der Haustür steht und Jason das Päckchen gerade öffnet, steht die Polizei vor der Tür. Jason flüchtet, wird bei der Flucht überwältigt und wandert in den Knast. Ihm drohen dank der enormen Menge an Drogen eine Haftstrafe bis zu 25 Jahren. Daraufhin setzt sich John mit der Staatsanwältin Joanne Keeghan (Susan Sarandon) auseinander, die nur eine Haftmilderung aussprechen kann, wenn Jason größere Fische verraten würde. Da Jason aber keine kennt und seine Kleindealerfreunde nicht verraten will, handelt John einen Packt mit der Staatsanwältin aus: Er soll einen großen Drogenboss zur Strecke bringen. Mit Hilfe seines Zeitarbeiters Daniel James (Jon Bernthal) steigt er in das Millieu ein, ohne zu erahnen, dass dort andere Regeln gelten. John arbeitet inkognito mit Agent Cooper (Barry Pepper) zusammen und jeden Schritt, den er weiter geht, könnte für John tödlich enden..."

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Naja, das muss man bei einem Film mit "The Rock" erwarten, oder? ;)

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